Wien. (may) Nachdem sich der Druck auf den ÖSV in den vergangenen Tagen ob der Vorwürfe von Ex-Skirennläuferin Nicola Werdenigg verstärkt hat, geht dieser nun in die Offensive: ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel hat die ehemalige steirische Landeshauptfrau und Opferschutzanwältin Waltraud Klasnic um Mithilfe bei der Aufarbeitung der Vorwürfe gebeten. Klasnic ist vor sieben Jahren in Aufarbeitung von Missbrauchsfällen in der Kirche von Kardinal Christoph Schönborn in dieser Funktion eingesetzt worden - die sogenannte Klasnic-Kommission hat seither mehr als 1600 Fälle bearbeitet.

"Waltraud Klasnic wird ihre Tätigkeit unabhängig und vertraulich ausüben", hieß es am Dienstag von der unabhängigen Opferschutzanwaltschaft. Betroffene können Klasnic direkt unter
waltraud.klasnic@opfer-schutz.at beziehungsweise 0664/383 5260 kontaktieren.

Dass die Fälle im Skiverband oder vorgelagerten schulischen Einrichtungen auch nur annähernd an die Zahlen jener durch kirchliche Gewalt oder jener in städtischen Wiener Heimen (rund 2900 Fälle) heranreicht, darf aktuell aber ausgeschlossen werden. So sind in der vergangenen Woche in Tirol eingerichteten Erstanlaufstelle für Missbrauchsopfer bis Dienstag lediglich drei Meldungen eingegangen, wie Bildungslandesrätin Beate Palfrader (ÖVP) und Soziallandesrätin Christine Baur (Grüne) mitteilten. Die Anschuldigungen würden 20 bis 45 Jahre zurückliegen und nicht direkt den ÖSV betreffen - sondern Aufnahmerituale in der vormaligen Skihauptschule Neustift sowie im Skigymnasium Stams. Den Betroffenen, die teilweise anonym bleiben wollen, gehe es vor allem darum, dass Derartiges in Zukunft nicht mehr passieren dürfe, berichteten die Politikerinnen. "Mir ist es wichtig, dass alles getan wird, um eine lückenlose Aufklärung jeglicher Vorwürfe herbeizuführen und diese Aufklärung so rasch wie möglich voranzutreiben", so Palfrader.

Indes haben sich die Fronten zwischen Schröcksnadel und Werdenigg, die im Nationalratswahlkampf für die Liste Pilz kandidiert hat, verhärtet - eine Gesprächsbasis ist derzeit nicht vorhanden. "Das kommt leider nicht zustande. Vielleicht hätten wir einiges ausräumen können", meinte der Präsident am Montagabend in der "ZiB2". Werdenigg habe ihm auch verboten, mit ihrem Bruder, Ex-Abfahrer Uli Spieß, zu sprechen.

Das Vorgehen der Ex-Fahrerin, die von ihren Anwälten diesbezüglich beraten wurde, kann er nicht ganz verstehen. "Wenn sie die Behauptung aufstellt, 2005 war was und alle haben es gewusst, dann weiß ich jetzt nicht, warum sie nicht dazu steht. Wenn man nicht dazu steht, darf man es öffentlich nicht äußern", so
Schröcksnadel. "Schritte können wir nur setzen, wenn wir wissen, was da war", ergänzte der Tiroler. "Wir wollen ja aufklären, aber dazu hilft man uns nicht", meinte der verärgerte Verbands-Chef. Der ÖSV wartet nun ab, was die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft ergeben. "Wenn der Staatsanwalt sagt, es war nichts, würde uns eine Entschuldigung auch schon reichen", sagte Schröcksnadel.

Zuvor hatte er Werdenigg indirekt mit rechtlichen Schritten gedroht, sollte sie ihre Vorwürfe zu dem angeblichen Fall aus 2005 - der sowohl von damaligen Aktiven, als auch Betreuern als unbekannt zurückgewiesen wird - nicht belegen können.

Werdenigg selbst will zwar der Staatsanwaltschaft Auskunft geben, möchte mittlerweile aber nach eigenen Angaben das Thema "vom ÖSV weggeben" und in die Sportverbandsstruktur bringen. "Mir ist es wichtig, dass Strukturen geschaffen werden, damit Betroffene auf Hilfe zählen können", sagte die Abfahrts-Olympiavierte von Innsbruck 1976.