Garmisch-Partenkirchen. Was war das für ein Kandahar-Rennen 1992! Der bayrische Lokalmatador Markus Wasmeier nutzte mit Startnummer 38 die Gunst der Stunde und fing den Österreicher Patrick Ortlieb noch um fünf Hundertstelsekunden ab; den Traumtag in Schwarz-Rot-Gold bei der Heimabfahrt in Garmisch rundete zudem Hansjörg Tauscher als Dritter ab. Der mit tausenden Fans volle Zielraum der Kandahar verwandelte sich in ein Tollhaus - eine Stimmung, wie es sie vorher und nachher nie wieder gab. Denn der Heimtriumph des späteren Doppel-Olympiasiegers von Lillehammer blieb ein singuläres Ereignis in der 64 Jahre währenden Abfahrtshistorie des Traditions-Skiortes in Oberbayern.

Doch am Samstag soll es wieder brodeln am Fuße des Kreuzecks - denn mit Thomas Dreßen hat die DSV-Mannschaft keinen Geringeren als den frischgebackenen Streif-Sieger in ihren Reihen. Einen Sieg also, den nicht einmal der große Wasmeier geschafft hat. Dreßen rückt bei der "Abfahrt dahoam" (11.45 Uhr/ORFeins) somit automatisch in die Favoritenrolle, wiewohl der Kitzbüheler Feierreigen nach dem Coup seines noch jungen Lebens gewiss viel Kraft gekostet hat.

Der Trainerstab des 24-Jährigen aus Mittenwald hatte darob alle Hände voll zu tun, ihn vor der letzten Abfahrt vor Olympia richtiggehend zu erden. Entsprechend wurde der Medienrummel, der durchaus österreichische Verhältnisse annahm, eingegrenzt, damit der plötzlich zum Star Aufgestiegene nur ja nicht die Konzentration auf die schwierige Strecke verliert. Allerdings hielt sich zumindest der Fanandrang an den beiden Trainingstagen am Donnerstag und Freitag (noch) in Grenzen, für das Rennen ist das Zielstadion aber so gut wie ausverkauft. Weil dort nur 8000 Zuschauer Platz haben, wäre das aber vielleicht auch ohne den Kitz-Coup so gewesen.

Wirkliche Ansagen ließ sich Dreßen beim Garmisch-Auftritt nicht entlocken: "Auch wenn ihr es wahrscheinlich schwer glaubt, habe ich in den vergangenen Tagen nicht mehr so sehr an meinen Erfolg gedacht", sagte er. Und die goldene Sieger-Gams von Kitzbühel? "Die steht neben dem TV-Gerät. Ich habe noch keine Zeit gehabt, einen Platz zu finden." Und natürlich sei er noch gar nicht dazugekommen, alle Glückwünsche zu beantworten, die am Handy eintrudelten. "Vor lauter Nachrichten ist es fast explodiert, ich kann nicht alles beantworten", meinte Dreßen, der das Scheinwerferlicht zu genießen scheint. Schließlich weiß er nur zu gut, dass er als deutscher Abfahrer vielleicht nicht lange im Mittelpunkt des medialen Interesses bleiben wird. Nicht zuletzt hat für ihn eines oberste Priorität: "Ich brauche jetzt meine Ruhe."