• vom 24.08.2012, 20:00 Uhr

Sportpolitik


Sportpolitik

"Sport ist ein Randphänomen"




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Von Simon Rosner

  • Weniger Schulsport, mehr übergewichtige Kinder, keine Medaillen
  • Sportsoziologe Otmar Weiß über die Ursachen des Olympiafiaskos und den Stellenwert des Sports in Österreich.

"Wiener Zeitung": Sie publizieren seit Jahren Studien zum Thema Sportpolitik. Waren sie vom Abschneiden der Österreicher in London überrascht?

Otmar Weiß: Nein, war ich nicht. Österreich ist ein kleines Land, und überraschend ist es, wenn Österreich Medaillen gewinnt. Im Schnitt sind es drei bis fünf, das ist dann ein großer und außergewöhnlicher Erfolg und nicht die Regel. Nicht unter den Bedingungen und Voraussetzungen unter denen sie antreten.

Immer weniger Kinder betreiben Sport, die Schule setzt auch keine Maßnahmen.

Immer weniger Kinder betreiben Sport, die Schule setzt auch keine Maßnahmen.© Tim Pannell/Corbis Immer weniger Kinder betreiben Sport, die Schule setzt auch keine Maßnahmen.© Tim Pannell/Corbis

Es gibt Aussagen von Spitzensportlern, dass es ihnen die Bedingungen eben nicht einfach machen. Gibt es bei uns ein Problem beim Schritt vom Leistungssport zum absoluten Spitzensport?


Das ist sehr komplex. Man kann nicht einfach nur ein paar Punkte herausgreifen. Für kleine Nationen ist es notwendig, dass man die Ressourcen entsprechend ausschöpft. Wenn ich als kleines Land erfolgreich sein will, ist es definitiv notwendig, dass ich den Breitensport entsprechend fördere und entwickle, weil die Spitze immer aus der Breite heraus entsteht.

Ist das immer schon so gewesen?

Bei kleinen Gesellschaften kann es nur so sein. Das ist wie in der Bildung. Eine kleine Population muss eine entsprechende Qualität entwickeln, um international mithalten zu können. Wir haben nicht das Reservoir der großen Länder wie China, der USA oder Russland, deshalb müssen die vorhandenen Möglichkeiten optimal genützt werden.

Werden sie das? Es gibt ja kleine Länder, die recht erfolgreich sind.

Natürlich kann man immer verbessern, das ist auch das Ziel. Aber man kann nur von der Basis, vom Breitensport, einen erfolgreichen Spitzensportler hervorbringen. Ich brauche grundlegende motorische Fähigkeiten, die bei den Kindern und Jugendlichen entwickelt werden müssen, um überhaupt die Voraussetzung für Spitzensport schaffen zu können. Und hier sind in Österreich Defizite im Schulsport vorhanden. Diese Defizite sind evident. Seit Jahrzehnten werden die Sportstunden reduziert, und in den Berufsschulen, die von mehr als der Hälfte der Jugendlichen besucht werden, gibt es gar keinen Turnunterricht. In der Volksschule wird zwar Sport unterrichtet, aber nicht von ausgebildetem Personal. Dabei wäre es in diesem goldenen motorischen Lernalter wichtig, dass hier qualifizierte Sportlehrer mit den Kindern arbeiten und ihnen helfen, die motorischen Grundeigenschaften zu entwickeln. Wir sehen ja bereits, was mit den Kindern los ist: Haltungsschäden, Fettleibigkeit, das geht hin bis zu kognitiven Einschränkungen, die auch aus diesen motorischen Defiziten heraus resultieren.

Es gibt dazu einige Studien, sie haben selbst einige davon betreut. Und es gibt diese Studien seit Jahren. Was ist damit passiert?

Das ist eine gute Frage. Als in den 90er-Jahren medial kolportiert wurde, dass die Nichtsportler die Sportler finanzieren, weil die so viele Sportunfälle haben, waren wir sehr motiviert und haben eine Gesundheitsstudie vorgestellt. Wir haben damals berechnet, dass Sportverletzungen viel weniger kosten als Bewegungskrankheiten infolge von Nichtbewegung. Man müsste also, rein volkswirtschaftlich gesehen, mehr Sport für die Bevölkerung proklamieren. Dazu haben wir damals auch einen Maßnahmenkatalog entwickelt, aber bisher wurde, glaube ich, kein einziger Punkt daraus umgesetzt.

Fettleibigkeit bei Kindern, weniger Bewegung entstehen aus gesellschaftlichen Entwicklungen, das ist ja auch Elternsache. Welche Rolle kann die Schule hier wirklich spielen? Was ist realistisch?

Natürlich ist es eine gesellschaftspolitische Aufgabe. Aber wir hatten ja genügend Sportstunden in den Schulen in den 1980er-Jahren. Warum hat das damals in der Schule funktioniert? Und warum gab es damals genügend Angebote? Das ist eindeutig ein Problem der Schulpolitik gewesen. Das Problem, das wir jetzt haben, wurde herbeigeführt.

Otmar Weiß ist Universitätsprofessor und stellvertretender Leiter am Institut für Sportwissenschaft in Wien. Der passionierte Tennisspieler steht der Abteilung für Sportsoziologie vor, Schwerpunkte seiner Tätigkeit sind Entwicklungen und Trends, Identität und Motivation sowie die gesellschaftliche Bedeutung des Sports und Evaluation in der Psychomotorik.

Otmar Weiß ist Universitätsprofessor und stellvertretender Leiter am Institut für Sportwissenschaft in Wien. Der passionierte Tennisspieler steht der Abteilung für Sportsoziologie vor, Schwerpunkte seiner Tätigkeit sind Entwicklungen und Trends, Identität und Motivation sowie die gesellschaftliche Bedeutung des Sports und Evaluation in der Psychomotorik.© Rosner Otmar Weiß ist Universitätsprofessor und stellvertretender Leiter am Institut für Sportwissenschaft in Wien. Der passionierte Tennisspieler steht der Abteilung für Sportsoziologie vor, Schwerpunkte seiner Tätigkeit sind Entwicklungen und Trends, Identität und Motivation sowie die gesellschaftliche Bedeutung des Sports und Evaluation in der Psychomotorik.© Rosner

Das Ministerium argumentiert, dass die Anzahl der Turnstunden im europäischen Vergleich im oberen Mittelfeld ist. Machen zwei, drei oder vier Stunden pro Woche tatsächlich einen Unterschied? Die von der BSO geforderte tägliche Turnstunde gibt es fast nirgendwo.

Man kann Daten immer so oder so interpretieren. Ich kenne Studien, die besagen, dass Österreich bei den Turnstunden im unteren Drittel rangiert. Aber brechen wir das nicht auf dieses Detail herunter. Wir haben eine Aktivierungsstudie gemacht, in der wir gar nicht die tägliche Sportstunde fordern, das wäre überzogen und derzeit auch nicht realistisch. Aber mit sportwissenschaftlichen Hintergrund haben wir die Empfehlung gegeben, dass zumindest drei Stunden Sport pro Woche in der Schule sinnvoll und auch realistisch wären. Das hebt den Gesundheitsstatus bei den Kindern und Jugendlichen und verbessert auch die kognitive Leistung. Man hat diese Studie in Auftrag gegeben, dann frage ich mich schon, warum man diese Maßnahmen, die empirisch abgesichert sind, nicht umsetzt.

Es gibt zwei sich in gewisser Weise widersprechende Tendenzen. Einerseits, dass immer weniger Jugendliche Sport betreiben, andererseits, dass Fitness und Wellness boomen. Wie passt das zusammen?

Diese Frage stellt sich gar nicht. Die moderne Lebensweise in Industriegesellschaften erfordert ganz einfach Maßnahmen im Hinblick auf Bewegung und Sport. Deshalb auch dieser Trend, diese Wiederkehr des Körpers, weil sich auch die Berufswelt verändert hat. Der moderne Mensch braucht in seinem Alltag einen sportlichen Ausgleich. Was den Sport insgesamt betrifft, so ist er eine Domäne der Kinder und Jugendlichen. Und hier gibt es Versäumnisse. Kinder und Jugendliche brauchen Sport noch mehr als ältere Generationen. Darauf haben die Kinder Anspruch, um gesunde Erwachsene zu werden.

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Dokument erstellt am 2012-08-24 18:36:08
Letzte Änderung am 2012-08-24 18:49:59


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