• vom 23.09.2013, 16:43 Uhr

Sportpolitik

Update: 23.09.2013, 16:50 Uhr

Brasilien

Das Ende der Patriarchen




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  • Brasilien verkürzt Amtszeit der Sportfunktionäre und verlangt Geschäftsberichte
  • WM- und Olympia-Ausrichter kämpft gegen Korruption und Vetternwirtschaft.

Schweigen zum Thema Korruption. Bisher fuhren Brasiliens Sportfunktionäre (im Bild Olympia-Chef Carlos Nuzman) mit dieser Devise nicht schlecht. - © ap

Schweigen zum Thema Korruption. Bisher fuhren Brasiliens Sportfunktionäre (im Bild Olympia-Chef Carlos Nuzman) mit dieser Devise nicht schlecht. © ap

Brasília. (art) Selbst Barack Obama war machtlos gegen die Allianz von Luiz Inacio Lula da Silva und Carlos Nuzman. Es war der 2. Oktober 2009, das Internationale Olympische Komitee IOC hatte sich zur Wahl des Olympia-Ausrichters in Kopenhagen getroffen, und Obama, Lula und alle anderen, die in den Bewerberländern Rang und Namen hatten, waren gekommen. Als Rio der Zuschlag erteilt wurde, gegen Chicago und Madrid, war Nuzman, Präsident des nationalen Olympischen Komitees Brasiliens COB, am Höhepunkt seiner sportpolitischen Karriere angelangt.


Medienwirksam gab’s ein Busserl für den Staatschef - das sollte vielleicht brasilianische Herzlichkeit demonstrieren - und reichlich pathetische Worte. Nuzman, ein Jurist, früherer Volleyballer und von 1975 bis 1995 Verbandschef in dieser Sportart, hatte sich unsterblich gemacht. Heute, vier Jahre später und drei Jahre vor Rio 2016, ist die Euphorie auch unter dem Eindruck der Proteste rund um den Confederations Cup im Juni einer gewissen Skepsis gewichen, steht auch der 71-jährige Oberolympier in der Kritik.

Nicht zuletzt sein Curriculum Vitae, der ihn jetzt schon seit 18 Jahren als Chef des COB ausweist, führt nun in Brasilien sogar zu einer Gesetzesänderung: Künftig wird die Amtszeit von Präsidenten nationaler Sportverbände, die in den Genuss staatlicher Förderungen kommen, auf maximal zweimal vier Jahre beschränkt, nahe Verwandte scheiden als Nachfolgekandidaten aus. Zudem müssen die Verbände ihre Geschäftsberichte jährlich offenlegen.

Mit dem neuen Gesetz, das nur noch der formellen Absegnung von Staatschefin Dilma Rousseff bedarf, sollen Korruption und Vetternwirtschaft im brasilianischen Sport bekämpft werden. Sofortige Auswirkungen auf Nuzman hat das freilich nicht, er wurde erst vor einem Jahr - trotz Kritik ohne Gegenkandidat - in eine fünfte Amtszeit gewählt.

Erzwungene Rücktritte
Doch künftig wird der Senat dem Olympia-Komitee wohl genauer auf die Finger schauen. Die Kosten für Rio 2016 explodieren ähnlich wie jene für die Fußball-WM 2014, die Vorbereitungen hinken den Vorgaben des IOC hinterher. Und wohin die Gelder wirklich fließen, weiß niemand so genau. Schon nach den Panamerika-Spielen 2007 waren Vorwürfe der Misswirtschaft und Korruption aufgetaucht.

Fragen dazu beantwortet Nuzman nur ungerne. Legendär ist seine Aussage: "Nein, dazu sage ich nichts. Ich muss erst lesen, was in den Zeitungen steht", als er vor einigen Jahren von dem kritischen Journalisten Jens Weinreich gefragt wurde, ob der Sport eine Welt-Anti-Korruptionsbehörde benötige. Dass man es mit diesem Thema im brasilianischen Sport nicht so genau nimmt, belegen indessen andere Beispiele gefallener Patriarchen: Im Zuge der juristischen Aufarbeitung der Pleite der Vermarktungsagentur ISL 2001 wurde ruchbar, dass Ex-Fußballweltverbandschef João Havelange und dessen Schwiegersohn, der nationale Verbandspräsident Ricardo Teixeira (wie einige andere auch), Schmiergeld in Millionenhöhe erhalten haben sollen. Als der öffentliche Druck zu groß wurde, räumte Teixeira seinen Posten - und machte damit Platz für den Militärdiktatur-Fan José Maria Marin -, auch Havelange trat als Fifa-Ehrenpräsident zurück und aus dem IOC aus.

Zumindest ein solch unrühmlicher Abgang wird Nuzman wohl erspart bleiben. Doch mit seiner Amtszeit dürfte wohl auch die Ära der Patriarchen im brasilianischen Sport zu Ende gehen.




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Dokument erstellt am 2013-09-23 16:47:04
Letzte Änderung am 2013-09-23 16:50:04


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