• vom 01.07.2018, 08:00 Uhr

Sportpolitik

Update: 01.07.2018, 08:20 Uhr

Fußball-WM

Eine tiefrote Fußballgeschichte




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Von Benjamin Schacherl

  • Die größten fußballerischen Erfolge des Gastgeberlandes finden sich zu Sowjetzeiten.

Oleg Blochin, nach seiner Karriere unter anderem Teamchef der Ukraine. - © Michaela Rehle/Reuters

Oleg Blochin, nach seiner Karriere unter anderem Teamchef der Ukraine. © Michaela Rehle/Reuters

Moskau. Mit dem Achtelfinaleinzug hat die Sbornaja Geschichte geschrieben. Am Sonntag (16 Uhr MESZ) bekommt sie es in Moskau mit Spanien zu tun. Zuvor ist noch nie ein russisches Nationalteam bei einer Weltmeisterschaft über die Gruppenphase hinausgekommen. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurden sechs Weltmeisterschaften ausgetragen. Die Bilanz fällt bescheiden aus: Drei Mal konnte sich das Team nicht qualifizieren, ebenso oft schied man schon in der Vorrunde aus. Die größten sportlichen Erfolge liegen weit zurück und sind eng mit der politischen Situation des Landes verknüpft.

Die Geschichte des 1912 gegründeten "Allrussischen Fußballverbands" beginnt mit zwei äußerst schmerzvollen Niederlagen. Das erste offizielle Länderspiel findet im selben Jahr im Rahmen der Olympischen Winterspiele statt und geht gegen Finnland, damals autonomes Großfürstentum innerhalb des Russischen Kaiserreichs, mit 1:2 verloren. Finnland durfte zum Ärger Russlands als eigene Nation antreten. Wenige Tage später folgt die nächste empfindliche Niederlage. In der später als "Schmach von Stockholm" bezeichneten Partie gegen das Deutsche Reich geht die russische Auswahl mit 0:16 unter. Die Blamage erlangt in der Analyse der Zeitungen im Heimatland eine politische Dimension und wird zum Anlass genommen, den Zustand des Zarentums zu hinterfragen. Das fußballerische Debakel habe vor Augen geführt, dass das zaristische System nicht mehr in der Verfassung sei, das Russische Reich im Ausland entsprechend zu repräsentieren. Fünf Jahre später folgen schließlich die Februar-Revolution und damit das Ende des zaristischen Systems.


Sporthistorisch betrachtet ist die Niederlage bis heute unerreicht: Höher hat ein russisches Team nie verloren, und es ist bis heute auch der höchste Sieg einer deutschen Nationalmannschaft. Nach der Revolution und dem Bürgerkrieg von 1918 bis 1921 findet sich der russische Fußball, wie die gesamte Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR), isoliert wieder. Der neu geschaffene Staat wird nicht als Fifa-Mitglied geführt, es können nur Freundschaftsspiele gegen Auswahlen aus dem kommunistischen Ausland bestritten werden. Das erste offizielle Freundschaftsspiel als UdSSR gewinnt das Team gegen die Türkei mit 3:0 am 16. November 1924. Der Zweite Weltkrieg überschattet alle Bemühungen, den sowjetischen Fußball zu internationalisieren.

Stalin löst das Team auf
Nach dem Krieg fasst die Kommunistische Partei die Modernisierung ihrer Sportstrukturen ins Auge. Im Buch "Russkji Futbol" (erschienen im Werkstatt-Verlag) wird ein dementsprechender Erlass des Zentralkomitees zitiert, in dem es als Ziel formuliert wird, "geeignete Schritte zu unternehmen, sodass innerhalb der nächsten Jahre sowjetische Sportler die Weltrekorde in allen Hauptsportarten verbessern können". Die Olympischen Spiele 1952 sind das erste große Turnier, an dem die UdSSR teilnimmt. Die Mannschaft scheitert in der Vorrunde. Drastische Folgen zieht die Niederlage gegen Titos Jugoslawien nach sich, die der sowjetische Diktator Stalin als persönlichen Affront auffasst. Als Konsequenz löst er die Nationalmannschaft auf. "Wenn man nicht bereit ist, braucht man nicht teilnehmen", soll Stalin gesagt haben. In der Folge werden Teamchef und Spieler als jugoslawische Agenten verdächtigt. Nach Stalins Tod 1953 spielt die sowjetische Auswahl wieder bei Olympia 1956 in Melbourne mit. Diesmal kommt die UdSSR bis ins Finale - und besiegt dort Jugoslawien mit 1:0. Ein Treffer reicht zum Sieg, weil die sowjetische Torhüterlegende Lew Jaschin sein Tor sauber hält.

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Dokument erstellt am 2018-06-29 17:19:41
Letzte Änderung am 2018-07-01 08:20:02


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