• vom 12.08.2011, 19:33 Uhr

Top News

Update: 12.08.2011, 22:09 Uhr

Befürworter sehen in der Online-Anonymität eine Chance für Demokratie, Gegner einen Deckmantel für Belästigungen und Provokationen

Der gläserne Mensch hat Angst vor Meinungen




  • Artikel
  • Kommentare (3)
  • Lesenswert (6)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Gregor Kucera

  • Auf der Suche nach Regeln in der virtuellen Welt.
  • Gute Geschäfte mit der User-Identität.

Ein digitales "Vermummungsverbot" für bessere Umgangsformen fordern Google, Facebook und Co. - © EPA

Ein digitales "Vermummungsverbot" für bessere Umgangsformen fordern Google, Facebook und Co. © EPA

Wien. Würden Sie in einem Raum mit hunderten Menschen während einer Podiumsdiskussion laut schreiend aufspringen, um einen Diskutanten, der eine andere Meinung vertritt, wüst zu beschimpfen, zu bedrohen oder verächtlich zu machen? Ziemlich sicher würde die Antwort "Nein" lauten. Was aber, wenn Sie unerkannt blieben, keiner wüsste, wer sie sind, noch, wohin Sie gehen? Sie könnten anonym ihrem Unmut freien Lauf lassen und ohne Angst vor Repressalien verschwinden. Wäre es dann nicht schön, "richtig böse" zu sein?
Im Internet passiert dies täglich. Minütlich.


Nutzer, getarnt hinter Pseudonymen und im Schutz der Anonymität, wettern gegen Andersdenkende, gegen die Ungerechtigkeit der Welt und sie beschimpfen und bedrohen andere. Einen Begriff für diese Art von Zeitgenossen gibt es – es sind die so genannten "Trolle", die sich durch Mobbing im Internet, auch "Cyber-Bulling" genannt, in diversen Foren und Chatrooms negativ hervortun.

Es reicht ein Blick in die Online-Medien dieses Landes. Zwischen durchaus wertvollen und sinnvollen Kommentaren und Postings finden sich immer wieder Wortmeldungen, die nur auf Provokation aus sind.
"Vermummungsverbot"

Genau diese Entwicklungen haben die Betreiber der sozialen Netzwerke, wie Facebook und Google+, auf den Plan gerufen. Es soll keine Anonymität mehr im Internet geben, so die Forderung der Konzerne: ein "Vermummungsverbot" in der digitalen Welt.
Nur wer mit seinem richtigen Namen ("Klarnamen") im Internet auftritt, wird sich an die zwischenmenschlichen Konventionen und Regeln halten. Diese Forderung von Randi Zuckerberg, Schwester des Facebook-Gründers Mark Zuckerberg und seit kurzem nur noch Ex-Mitarbeiterin des sozialen Netzwerks (sie wird sich mit einer eigenen Firma selbständig machen), eröffnete eine neue Diskussion um Anonymität im Internet.

Die Zeit schien reif dafür: Die Ausschreitungen in Großbritannien wurden über soziale Netzwerke ausgemacht, und der Norweger Anders Breivik verteilte seine kruden Ideen über unzählige einschlägige Webseiten, deren Anwender unter falschen Namen seinen blutigen Anschlag in Norwegen positiv bewerteten und bisweilen auch feierten.

Frei schreiben
Doch es gibt auch eine ganz andere Seite. Digitale Identitäten eröffnen Chancen und Möglichkeiten, die es in der Realität nicht gibt. Pseudonyme und Anonymität bieten die Möglichkeit, die eigene Meinung wirklich frei zu äußern und damit Demokratie lebendig zu machen. Man kann sich austauschen und Stellung beziehen, ohne abgestempelt zu werden. In China scheint politisches Engagement gegen das Regime ohne Pseudonyme unmöglich. Die "grüne Revolution" in der arabischen Welt wäre ohne diesen Schutz nicht passiert. In Ägypten "tarnten" sich Frauen in Internetforen als Männer, um dort an Diskussionen teilnehmen zu können. Versammlungen, Demonstrationen und friedliche Revolutionen wurden über Facebook und Twitter organisiert. Die Problematik dabei war allerdings, dass man nicht verhindern konnte, dass auch regimetreue Spitzel getarnt und anonym in die Netzwerke kommen konnten.

weiterlesen auf Seite 2 von 2



3 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2011-08-12 19:41:08
Letzte Änderung am 2011-08-12 22:09:56



Werbung




Werbung