• vom 09.02.2014, 11:00 Uhr

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Februar 1934

"Dollfuß hat Österreich getötet"




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Da die christlichsoziale Bewegung immer stärker Stimmen an die Nationalsozialisten verlor, hatte sich die Führung der Christlichsozialen Partei um Dollfuß entschlossen, rigoroser gegen die Nationalsozialisten und gleichzeitig aber auch gegen die parlamentarische Demokratie an sich vorzugehen. Eine "demokratische", besonnene Analyse der letzten Wahlresultate hätte gezeigt, dass die NSDAP bei Nationalratswahlen in ganz Österreich nicht mehr als 20 Prozent der Stimmen erhalten hätte. Dies beweisen die repräsentativen Ergebnisse der am 24. April 1932 in Wien, Niederösterreich und Salzburg abgehaltenen Landtagswahlen und der Gemeinderatswahlen in Kärnten und der Steiermark. Dollfuß wollte aber verhindern, dass die Christlichsozialen weiterhin an die NSDAP verlieren und damit die Sozialdemokratische Partei zur stärksten Kraft im Lande würde und damit die Christlichsozialen keine Mitte-Rechts-Koalition bilden könnten.

11. September 1933: Dollfuß erklärt seine Abkehr von der parlamentarischen Demokratie.

11. September 1933: Dollfuß erklärt seine Abkehr von der parlamentarischen Demokratie.

© Bettmann/CORBIS

11. September 1933: Dollfuß erklärt seine Abkehr von der parlamentarischen Demokratie.

© Bettmann/CORBIS

Der sozialdemokratische Republikanische Schutzbund wurde aufgelöst, und die Polizei suchte nach den Waffenlagern dieser paramilitärischen Organisation. Mit der Gründung einer Einheitspartei, der "Vaterländischen Front", sollte das Dollfuß-Regime jene Massenbasis erhalten, die jedes faschistische Regime benötigte. In einer programmatischen Rede auf dem Wiener Trabrennplatz am 11. September 1933, die in der christlichsozialen "Reichspost" am nächsten Tag abgedruckt wurde, erklärte Dollfuß seine Abkehr von der parlamentarischen Demokratie: "Dieses Parlament, eine solche Volksvertretung, eine solche Führung unseres Volkes, wird und darf nie wiederkommen. (Minutenlanger, jubelnder Beifall.) […] Ich wiederhole: Die Zeit des kapitalistischen Systems, die Zeit kapitalistisch-liberalistischer Wirtschaftsordnung ist vorüber, die Zeit marxistischer, materialistischer Volksführung und Volksverführung ist gewesen! Die Zeit der Parteienherrschaft ist vorbei! (Frenetischer Beifall.) Wir lehnen Gleichschalterei und Terror ab, wir wollen den sozialen, christlichen, deutschen Staat Österreich auf ständischer Grundlage, unter starker autoritärer Führung! (Minutenlanger Beifall.) [...] Wir wollen den sozialen, christlichen, deutschen Staat Österreich. Wir sind so deutsch, so selbstverständlich deutsch, dass es uns überflüssig vorkommt, dies eigens zu betonen."

Schüsse im Hotel Schiff

Obwohl Dollfuß’ Österreich immer stärker von Hitler-Deutschland unter wirtschaftlichen Druck gesetzt wurde, intensivierte das austrofaschistische Regime seine Verbindungen mit dem Faschismus in Italien und antwortete auf nationalsozialistische Bombenattentate mit der Wiedereinführung der Todesstrafe. Eine demokratische Einheitsfront mit den Sozialdemokraten strebte der Kanzler nicht an, sondern er versuchte, einen Kampf an zwei politischen Fronten zu führen, da letztlich die Sozialdemokraten als die gefährlicheren politischen Gegner gesehen wurden, die eine sozialistische Revolution anstrebten.

Die Heimwehrführer hatten bereits lange auf diese militärische Konfrontation hingearbeitet, und so war es auch kein Zufall, dass am Vortag des 12. Februar 1934 der Vizekanzler und radikale Wiener Heimwehrführer Emil Fey angekündigt hatte: "Wir werden morgen an die Arbeit gehen, und wir werden ganze Arbeit leisten." Während einer Durchsuchung des Linzer Arbeiterheims Hotel Schiff durch die Polizei setzten sich illegale Schutzbündler zur Wehr. Und der sozialdemokratische Parteivorstand mit nur einer Stimme Mehrheit beschloss – viel zu spät, um effektiv handeln zu können –, in ganz Österreich Widerstand zu leisten. Im Laufe der Kämpfe wurden nach offiziellen Angaben 314 Menschen getötet und mehr als 800 verletzt – die Dunkelziffer der Toten und Verletzten liegt jedoch vermutlich höher.

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2014-02-06 15:40:33
Letzte Änderung am 2018-02-11 22:39:01


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