• vom 07.02.2014, 15:45 Uhr

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Update: 08.02.2018, 16:58 Uhr

Wien

Zerschossene Fassaden und tiefe Wunden




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Einblicke in den Gemeindebau (hier Sandleiten in Ottakring) von heute. Die Geschichten werden von den alten Mietern und Mieterinnen noch erzählt, aber mit deren Tod sterben auch die Erinnerungen an die Ereignisse.

Einblicke in den Gemeindebau (hier Sandleiten in Ottakring) von heute. Die Geschichten werden von den alten Mietern und Mieterinnen noch erzählt, aber mit deren Tod sterben auch die Erinnerungen an die Ereignisse.© Kucera Einblicke in den Gemeindebau (hier Sandleiten in Ottakring) von heute. Die Geschichten werden von den alten Mietern und Mieterinnen noch erzählt, aber mit deren Tod sterben auch die Erinnerungen an die Ereignisse.© Kucera

Einige Befragungen später zeichnet sich folgendes Bild ab: Die Erfahrungen und die Erlebnisse in den Gemeindebauten werden wenn, dann mündlich von älteren Bewohnern Nachbarn oder der Familie erzählt. Wer neu in den Gemeindebau zieht, scheint sich meist nicht für die Geschichte zu interessieren, und wenn doch, so muss aktiv nach Informationen gesucht werden.


Eine Ausnahme fand sich aber dann doch noch. Damir, 14 Jahre jung, erst seit kurzem im Gemeindebau, nicht viel länger in Österreich. Gerade hat er noch mit Freunden Fußball gespielt, jetzt sitzt er mit breitem Grinsen auf der Bank im Innenhof und beantwortet Fragen. "Ja, natürlich weiß ich, was im Februar 1934 hier passiert ist. Hier drüben haben Granaten eingeschlagen und die ganze Fassade war voller Einschusslöcher. Unsere Wohnung war schwer beschädigt." Verblüffend. Ein junger Mann, der genau weiß, was sich hier abgespielt hat. Die Frage ist nun – woher hat er sein Wissen? "Wir haben in der Schule über den Krieg in Syrien geredet und über Ägypten. Dort schießt man auf seine Nachbarn, zerstört Häuser. Ein Freund hat gesagt, dass er gut findet, dass das in Österreich nicht passieren kann und noch nicht passiert ist. Daraufhin hat uns die Lehrerin gefragt, wo wir wohnen und uns dann Fotos aus dem Jahr 1934 gezeigt. Das war sehr interessant." Er suche nun nach Spuren vom Krieg. Es gäbe genug davon, man müsse nur fragen oder suchen, so die Empfehlung des jungen Experten.

Ein Blick in die Geschichte

Um die Geschehnisse zwischen dem 12. und 15. Februar 1934 in den Wiener Gemeindebauten zu verstehen, bedarf es eines Blickes in die Geschichte. Um 1900 war Wien eine der größten und prosperierensten Städte der Welt. Mehr als zwei Millionen Menschen lebten in Wien. Doch der Wohnraum war knapp. In den Zinshäusern der Jahrhundertwende lebten viele Menschen auf engstem Raum. Doch nicht nur der Mangel an Platz war bedrohlich, auch die Mieten waren exorbitant hoch. Somit schoss die Zahl von Untermietern und "Bettgehern" in neue Höhen. "Sie müssen sich vorstellen, wie die Arbeiter damals gewohnt haben", so Josef Fiala, der sich in seiner Dissertation den Februarkämpfen in Wien Meidling und Liesing widmet. "Zusammengepfercht in Ein- bis Zweizimmerwohnungen, WC am Gang, Bassena, kein Grün, sondern nur ein Hof mit Mistkübeln und Klopfstange. Meist abgesperrt. Keine Spielplätze, dafür roch man jeden Tag, was im Haus gekocht wurde", so Fiala, der selbst als Kind nicht mit seinen Schulfreunden aus dem Gemeindebau spielen durfte, weil es sein Vater nicht erlaubte. Durch die Wohnbausteuer (sie-
he Kasten Seite 11) und den Erwerb großer Areale – entweder am Stadtrand oder auch ganz bewusst in den Bezirken des Bürgertums – konnte der kommunale Wohnbau zu neuen Höhen getrieben werden. Die Gemeindebauten des "Roten Wien" waren weltweit geachtete Beispiele für mustergültiges Wohnen tausender Menschen mit modernen Annehmlichkeiten und vielen richtungsweisenden Innovationen. "Es gab Gas und Wasser in jeder Wohnung. Die Frei- und Grünflächen waren im Inneren, sodass Kinder in Ruhe spielen konnten", so Fiala. Hinzu kamen Gemeinschaftsräume wie Waschsalons, Kinos, Bibliotheken, Kindergärten und Schulen. Geschäfte und Ärzte rundeten das Konzept von der "Stadt in der Stadt" ab. Damit wurde Wohnen nicht nur besser, sondern auch leistbar.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2014-02-06 15:47:28
Letzte Änderung am 2018-02-08 16:58:08


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