• vom 09.02.2014, 16:00 Uhr

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Update: 08.02.2018, 16:57 Uhr

Steyr

"Hoffentlich drahn's eam des o"




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Es gab viele Selbstmorde, die Stadt konnte kaum mehr für alle verarmten Einwohner sorgen. Der Traum der örtlichen Sozialdemokratie, analog zum Roten Wien ein Rotes Steyr aufzubauen, war zerplatzt: Kommunaler Wohnbau, soziale Infrastruktur oder neue Arbeitsplätze konnten nicht einmal vergleichsweise bescheiden verwirklicht werden.

Seit Einführung des allgemeinen Wahlrechts 1918  galt Steyr als linke Hochburg, Linksparteien hatten im Gemeinderat die Mehrheit – auch in Steyr sollte ein sozialistisches Gemeinwesen aufgebaut werden, Arbeiterkultur als Gegenentwurf zur bürgerlichen Lebensart gefördert werden. Das Rot bezahlte die Stadt mit Benachteiligung durch den Bund, der die Stadt finanziell aushungerte.

1929 musste die Gemeinde Steyr Bankrott anmelden, was auch hinsichtlich der Organisation der öffentlichen Sicherheit fatale Konsequenzen hatte: Die Kompetenzen wurden am 1. Juli dem Bund übertragen. Die Polizei wurde binnen kurzer Zeit umgefärbt und um das Sechsfache erweitert, zur besonderen Genugtuung der Heimwehr, für die Steyr schon lange ein "rotes Tuch" gewesen war: "Der rotze Fetzen muss vom Rathaus", forderte Ernst Rüdiger Starhemberg aus Eferding, Bundesführer der Heimwehr.

Schutt und Einschusslöcher nach den Februarkämpfen auf der Ennsleite.

Schutt und Einschusslöcher nach den Februarkämpfen auf der Ennsleite.© Stadtarchiv Steyr Schutt und Einschusslöcher nach den Februarkämpfen auf der Ennsleite.© Stadtarchiv Steyr

Auf die drückende Armut folgte die Unterdrückung von Meinung und Menschen. Die Parteien der Kommunisten und Sozialdemokraten  sowie der Schutzbund waren bereits verboten, nun terrorisierte die Heimwehr die Menschen. Immer wieder kam es zu Schlägereien zwischen Schutzbündlern und Heimwehrlern, selbst unter Kindern wurden deswegen gerauft. Der Steyrer Franz Weiss, geboren 1920, erinnert sich: "Wir sind so aufgewachsen, dass wir zwischen Rot und Schwarz unterschieden haben. Die Roten waren die Minderbemittelten, die am liebsten keine Arbeit  kriegen sollten, und die anderen, das waren die Begüterten, die Reichen. Da haben wir oft Raufereien gehabt. Wir haben uns ausgekannt, weil daheim darüber geredet wurde."
1934 lebten 16 Prozent der Einwohner in Steyr in Untermiete oder als Bettgeher, in Waggons, Baracken und Asylen. Wohnungsnot war ein Erbe der Monarchie, die sich nicht um den Wohnungsbau gekümmert hatte, die während des Krieges als Notunterkünfte errichteten kalten Baracken auf der Ennsleite wurden noch in den 1930er Jahren vermietet. Die 300 Wohnungen, die dort durch eine lokale Genossenschaft errichtet wurden, konnten die Wohnungsnot nur wenig lindern.

Es gärte schon lange, viele Arbeiter und Arbeitslose hatten bereits in den Jahren zuvor Räte gebildet, sie streikten und demonstrierten. Das Widerstandpotenzial der Arbeiter, Arbeiterinnen und Arbeitslosen in der Stadt war bereits in den Kriegsjahren manifest – so führten schon im September 1916 der Mangel an Brot, Kartoffeln und Mehl zu tagelangen Unruhen, im Mai des folgenden Jahres brach in einer Kantine wegen ungenießbaren Fleisches der "Beuschelstreik" aus. An die 20 Streiks fanden bis 1927 in Steyr statt. Im Februar 1934 fehlte Massenmobilisierung aber, was mit ein Grund war, dass der Aufstand scheiterte.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2014-02-07 16:00:29
Letzte Änderung am 2018-02-08 16:57:35


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