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Update: 09.10.2015, 12:59 Uhr

Viennale-Tipp

Brillant: Le P'tit Quinquin von Bruno Dumont




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Von Alexandra Zawia

  • Eine klassische "comédie humaine" mit grotesken Ausformungen und bizarren Widersprüchen.

P'tit Quinquin, Bruno Dumont. - © Viennale

P'tit Quinquin, Bruno Dumont. © Viennale

Irgendwo im sehr ländlichen Boulonnais am Ärmelkanal: In einem verfallenen Bunker aus dem 2. Weltkrieg wird eine tote Kuh gefunden. In der toten Kuh eine tote Frau, zerhackt und ohne Kopf. Also die Frau, nicht die Kuh. "Das ist schon sehr speziell", stellt der bald ermittelnde Kommissar, Le commandant van der Weyden fest und sein zuckendes Auge zieht ihm alle 30 Sekunden zumindest einen Mundwinkel nach oben.

Bernard Pruvost spielt den von nervösen Ticks gezeichneten Detektiv als eine Mischung zwischen Maigret und Inspector Clouseau und spricht mit unverblümter "Ch’ti-Schnauze". Wie Philippe Jore, der van der Weyden als Assistent Lieutenenant Rudy Carpentier zur Seite steht und viel, viel schlechter Auto fahren kann, als er selbst meint, ist Pruvost Laiendarsteller und damit eine klassische Besetzung für einen Film des französischen Regisseurs Bruno Dumont.

Information

Viennale-Screenings:

Episoden 1 - 4
Sa, 25. Okt. 23:00 Gartenbaukino

Episoden 1 - 2
Do, 6. Nov. 13:00 Gartenbaukino

Episoden 3 - 4
Do, 6. Nov. 15:00 Gartenbaukino


Dumont ist dieser lanschaftlichen Region, dem nördlichen Calais, in all seinen Filmen tief verbunden und "die Menschen dort inspirieren" seine Figuren, sagt er selbst. Mit Filmen wie "L’humanité", "Flandres" oder "Hors Satan", aber auch zuletzt in "Camille Claudel 1915" hat Dumont immer wieder Abgründe eröffnet, wie sie vor allem die menschliche Natur bietet. Wo hört das Biest auf und wo beginnt die Bestie, vor allem wenn, wie in "Le P’tit Quinquin", der Mensch nur noch aus den Eingeweiden eines Tieres geschält werden kann?

"Le P’tit Quinquin" ist Dumonts erste Arbeit, die er für einen Fernsehsender (Arte) gemacht hat und es ist auch erste Mal, dass er einen seiner FIlme offiziell als Komödie titulieren kann - auch wenn bitter-süße Ironie auch in seinen anderen Filmen nicht fehld. Dennoch: Der titelgebende Quinquin ist, was man hierzulande Gfrast nennt, ein präpubertärer Gang-Pate in einem Revier, das sich um Menschen wenig schert, weil Schweine tatsächlich viel nützlicher sind. Seiner Freundin Eve ist er vollen Herzens zugetan, eine zarte Liebe, die er mit aller Kraft beschützt und die in dieser unwirtlichen Umgebung gedeiht, als wäre es das Paradies.

Groteske Ausformungen, Deformierungen und bizarre Widersprüche ziehen sich durch alle vier Teile dieser brillanten Arbeit, in Wahrheit eine klassische "comédie humaine", die nicht regional verhaftet bleibt, nicht nur wenn sie auch Immigration und Rassismus thematisiert. Die "Achse des Bösen" - durchzieht sie nicht ohnehin alles?

(Der Titel des Films übrigens stammt von einem Chanson aus dem 19. Jahrhundert und war ursprünglich als Wiegenlied gedacht, konnte aber seine beunruhigenden Untertöne auch damit nicht verbergen. Roman Polanski ließ in seinem Film "Repulsion" wohl auch deswegen Catherine Deneuve dasselbe Liedchen summen und Dany Boon macht es zum Abgesang in "Willkommen bei den Sch’tis".) //




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2014-10-25 19:37:08
Letzte Änderung am 2015-10-09 12:59:07



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