• vom 05.04.2015, 15:14 Uhr

Top News

Update: 17.12.2015, 13:00 Uhr

Großbritannien

Oliver Twist und die Wahlen




  • Artikel
  • Kommentare (3)
  • Lesenswert (16)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von WZ-Korrespondent Peter Nonnenmacher

  • Wenige Wochen vor der Unterhauswahl ist in Großbritannien wieder viel von Charles Dickens die Rede - von hungrigen Kindern und von Armenbegräbnissen.
  • Die Kluft zwischen Arm und Reich hat sich in den letzten fünf Jahren dramatisch vertieft.

Die Szenen aus "Oliver Twist" sind heute nicht mehr weit von der Realität entfernt.

Die Szenen aus "Oliver Twist" sind heute nicht mehr weit von der Realität entfernt.© corbis Die Szenen aus "Oliver Twist" sind heute nicht mehr weit von der Realität entfernt.© corbis

London. Es ist eine Welt, in der man nicht leben möchte. Ein schwarzverrußter Himmel wölbt sich über den Straßen der Stadt. Mausgrau hängt Wäsche an einer Leine zwischen Fachwerk-Fassaden und finsteren Steingewölben. Im schwachen Schein der Gaslaternen macht man Cholera-Warnungen und Kartoffelsack-Lager von Obdachlosen aus. Durch den Armenfriedhof, zwischen frisch gezimmerten Särgen, führt der Weg direkt ins Gefängnis, nach Marshalsea Prison, wo die Schuldner der Gegend ihre Zahlungsunfähigkeit büßen. In der örtlichen Fabrik arbeitet die minderjährige Belegschaft zehn Stunden am Tag und sechs Tage die Woche. Von Ferien, Krankenkasse, Kinderschutz hat man hier noch nichts gehört.

Das ist natürlich auch kein Wunder, denn "Dickens World" soll ja nun nicht das moderne Großbritannien abbilden. In diesem Themenpark in Chatham, im Osten Londons, findet man sich um gut und gern 150 Jahre in die Vergangenheit zurückversetzt. Die 62 Millionen Pfund teure Nachbildung der Welt des berühmten Autors Charles Dickens ist, in den Worten eines zeitgenössischen Spötters, Englands "viktorianische Antwort auf Micky Maus".


Durch den Themenpark schleppen die bildungswütigen Eltern der Region an verregneten Wochenenden ihre Kinder. In jüngster Zeit aber zieht die Anlage besonders viel kleines und großes Publikum an. Vielleicht rührt die neue Faszination ja daher, dass den Besuchern so manches in "Dickens World" zwar immer noch gespenstisch, aber nicht mehr ganz so fremd vorkommt.

Neuerdings nämlich fragen sich Dickens-Fans immer öfter, ob denn nun wirklich eineinhalb Jahrhunderte seit "Christmas Carol" und "Oliver Twist" verflossen sind - oder ob, nach Kreditkrise, Rezession und fünf Jahren verschärfter Austerität, der Geist der Viktorianer wieder von Britannien Besitz ergriffen hat.

Millionäre und arme Schlucker
Auch in der großen Politik ist, wenige Wochen vor der Unterhauswahl des 7. Mai, häufig wieder von Dickens die Rede. Oppositions-Sprecher, Kirchenleute und karitative Verbände sehen ihr Land auf beängstigende Weise zurück ins 19. Jahrhundert driften. Eine immer tiefere Kluft zwischen Arm und Reich auf der Insel, zunehmend wackelige Existenzen weiter Bevölkerungsschichten und eine typisch viktorianische Verachtung der Besitzenden für die Mittellosen legt man Camerons "Kabinett der Millionäre" und vor allem seinen konservativen Ministern zur Last.

Erstaunliche Gegensätze kennzeichnen in der Tat Britannien vor diesen Wahlen. Tory-Schatzkanzler George Osborne hält sich zugute, seinen Landsleuten durch strikte Sparmaßnahmen die höchste Wachstumsrate Europas verschafft zu haben. Wenn man die Tories weiter walten lasse, versichert Osborne, bestehen gute Aussicht, dass das Königreich bis 2030 noch zum reichsten Land der Welt werde. Der Optimismus wird in der City of London geteilt, im wichtigsten Finanzzentrum Europas türmen sich acht Jahre nach dem Crash immer neue Gewinne. Binnen drei Jahren sollen auf der Insel bereits eine Million Dollar-Millionäre leben.

Freilich ist das Königreich auch auf dem Weg zu ganz anderen Rekorden. Eine Million Menschen am anderen Ende des Spektrums haben nämlich gar nichts. Diese Leute müssen von Wohlfahrts-Organisationen am Leben gehalten werden. Und mehrere Millionen sind nur eine einzige unerwartete Rechnung oder Zinserhöhung weit vom privaten Bankrott entfernt.

Acht Millionen Briten wird von der Joseph-Rountree-Stiftung bescheinigt, über "weniger als minimal erforderliche Einkünfte" zu verfügen. Seit der Finanzkrise sind vielerorts nur noch Teilzeitarbeit, Nullstunden-Verträge und Niedriglöhne erhältlich. So wachsen oft selbst in Familien, bei denen ein Elternteil einen Job hat, Kinder in Armut auf. Dem Bericht "Breadline Britain" zufolge muss heute eins von zehn Kindern im Land ohne warmen Wintermantel auskommen - oder ohne neue Schuhe, wenn es welche brauchen könnte. Schlimmer noch: In jedem zwanzigsten Haushalt gibt es nicht genug zu essen.

Soziale Apartheid
Lehrer in Krisenvierteln bestätigen, dass immer mehr ihrer kleinen Zöglinge hungrig oder verfroren zur Schule kommen. Von "Zuständen wie bei Dickens" ist bei einer Umfrage unter 4000 Lehrern wortwörtlich die Rede gewesen. Fünf Millionen Kinder, warnt der Verband "Save The Children", könnten bis 2020 in Großbritannien "zu einem Leben in Armut verdammt" sein. Und hunderttausende Haushalte haben sich hoffnungslos verschuldet - weil sie sich nicht anders "über die Runden retten" können. Von "völlig unakzeptablen Umständen" hat in diesem Zusammenhang der Erzbischof von Canterbury, Justin Welby, gesprochen.

Die Polizei meldet, dass Nahrungsmittel-Diebstähle in den Supermärkten immer mehr zunehmen. Auch die Zahl der Bettler und der Obdachlosen, draußen vor den Geschäften, ist stetig am Steigen. Niedriglöhne kombiniert mit haushohen Mieten, zum Beispiel in London, zwingen seit Neuestem auch wildfremde Personen, sich Zimmer in Mietwohnungen - und nicht nur die Wohnungen selbst - zu teilen.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




3 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2015-04-05 14:08:05
Letzte Änderung am 2015-12-17 13:00:44


Werbung




Werbung