• vom 11.05.2015, 22:44 Uhr

Top News

Update: 12.05.2015, 11:37 Uhr

Armut

Die Patrone der Armen




  • Artikel
  • Kommentare (12)
  • Lesenswert (19)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Klaus Huhold

  • Superreiche lenken die Armutsdebatte, sagt der Forscher Ilan Kapoor.

U2-Sänger Bono in Afrika. "Die Stars sprechen für die Armen, anstatt diese selbst zu Wort kommen zu lassen", so Kapoor. - © reuters/Mike Hutschings

U2-Sänger Bono in Afrika. "Die Stars sprechen für die Armen, anstatt diese selbst zu Wort kommen zu lassen", so Kapoor. © reuters/Mike Hutschings

"Wiener Zeitung": In Wien sind im Zuge des Life Balls nun Plakate zu sehen, auf denen Elton John zum Kampf gegen Aids auffordert, Bob Geldof sammelt Geld für Hilfsaktionen gegen Ebola. Sie kritisieren einen derartigen Einsatz von Prominenten. Was stört Sie daran?

Ilan Kapoor: Dass dieses Phänomen gut zu den Entwicklungen der letzten 30 Jahre passt. Im Neoliberalismus hat sich der Staat zurückgezogen und nimmt seine soziale Verantwortung nicht mehr wahr. Diese Lücke wird von privaten Organisationen und Individuen gefüllt. Damit hängt alles von ihnen ab - von ihren Projekten, ihren Interessen und auch ihren Vorurteilen. Der Aufstieg der Celebrities und der privaten Organisationen sagt zudem etwas über das Versagen unserer Demokratien aus. Wir befinden uns in einer Postdemokratie. Wir gehen zwar wählen, doch die Parteien unterscheiden sich kaum mehr. So werden Entscheidungen an Experten, Wissenschafter und eben auch Celebrities delegiert, die somit zu einer Art erleuchteten Elite werden. Diese sollen plötzlich wichtige Probleme wie Aids oder die globale Armut lösen, ohne dass sie für die von ihnen propagierten Lösungen Rechenschaft ablegen müssen.

Information

Ilan Kapoor hält heute, Dienstag, um 18 Uhr, im Rahmen der Kapuscinski Development Lecture den Vortrag "The Ideology of Celebrity Humanitarianism" im C3 in Wien (9., Sensengasse 3)
Weitere Informationen: www. oefse.at

Ilan Kapoor kam in Indien zur Welt und lebt heute in Kanada, wo er auch studiert hat. Er ist Professor für Critical Development Studies an der York University in Toronto und hat zuletzt das Buch "Celebrity Humanitarianism: The Ideology of Global Charity" veröffentlicht. In Wien war er auf Einladung der Österreichischen Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung (Öfse) und des Instituts für Internationale Entwicklung (IE) der Universität Wien zu Gast.


Aber macht der Staat eine bessere Entwicklungspolitik?

Ich sage nicht, dass staatliche Programme frei von Problemen sind. Aber bei ihnen gibt es eine klare Verantwortlichkeit und eine viel stärkere Legitimation.

Muss bei den Aktionen der Stars nicht unterschieden werden? Wenn Angelina Jolie Flüchtlinge besucht, macht sie auf deren Lage aufmerksam, wenn U2-Sänger Bono Vox einen Schuldenerlass für afrikanische Länder verlangt, stellt er konkrete politische Forderungen auf.

Freilich unterscheidet sich die Arbeit einzelner Stars. Aber bleiben wir beim Beispiel von Angelina Jolie. Sie ist eine Mediatorin zwischen der Dritten Welt und ihrem Publikum. Somit geht es immer um ihre Interessen, ihre Gefühle und ihre Äußerungen. In einem Prozess, der von oben nach unten verläuft, wird sie somit zur Patronin der Armen. Die Stars sprechen für die Armen, anstatt diese selbst zu Wort kommen zu lassen. Und darin unterscheiden sich Bono Vox, Angelina Jolie und andere Stars nicht voneinander. Die Medien, die immer Glanz, Glamour und Spektakel suchen, sind dabei ihre Komplizen.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




12 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2015-05-11 18:23:07
Letzte Änderung am 2015-05-12 11:37:54


Werbung




Werbung