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Update: 21.11.2016, 22:16 Uhr

Filmkritik

Steck’ dir deine Sorgen an den Hut!




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Von Christof Habres

  • Mehr Fiktion als Realität: Eine Kunstinitiative will die finanziellen Bürden des Hypo-Alpe-Adria-Skandals tilgen.

Grundstück zu verkaufen: Uwe Jäntsch versucht sich als Auktionär ("Banca Nazion").

Grundstück zu verkaufen: Uwe Jäntsch versucht sich als Auktionär ("Banca Nazion").© ORF Grundstück zu verkaufen: Uwe Jäntsch versucht sich als Auktionär ("Banca Nazion").© ORF

Plötzlich rast eine erratische Figur mit einem Megafon auf einem adaptierten Tennisrichterstuhl durchs Bild. Die Reise führt durch die Landschaft der Halbinsel Istrien. Als Begleitmusik dudelt Peter Alexander seinen Hit "Steck’ dir deine Sorgen an den Hut!". Eine Kombination - Sonne, Meer und fröhlicher Liedgesang -, bei der an sich keine Sorgen aufkommen sollten. Welche Sorgen meint der musikalische Vertreter der österreichischen Inselseligkeit? Die Neo-Argonauten meinen jedenfalls verzockte 18 Milliarden Euro. Eine Summe, die berechtigterweise Sorgen macht. Überhaupt, wenn jeder einzelne Bürger des Landes mit seiner Steuerleistung für das Verspielen geradestehen muss. Aber mehrere Künstler und die Initiative der Neo-Argonauten haben Abhilfe geschaffen.

Neo-Argonauten in Aktion

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Film
Kunst rettet Österreich
bis 28. November zu sehen unter www.tvthek.orf.at (Kulturmontag)

Die Gruppe will die finanziellen Altlasten der ehemaligen Hypo-Alpe-Adria, nun als "Bad Bank" Heta genannt, entsorgen und durch exorbitante Aufwertung der Restbestände mittels Kunstperfomances und -werken lukrativ verschachern. Am Ende des Prozesses wird das Heta-Schlamassel mit einem Gewinn für den Steuerzahler abgerechnet. Eine ungeheure Meisterleistung, über die selbst internationale Medien wie CNN oder BBC mit Bewunderung berichten.

Etwas verwirrend? Vor möglichen Verwirrungen hat der ORF-Journalist und Mitinitiator Martin Traxl in der Einleitung zu dem als Mockumentary - also fiktive Dokumentation - bezeichneten Film "Kunst rettet Österreich" von Regisseur Werner Boote ("Plastic Planet") das Publikum gewarnt. Und im selben Atemzug betont, dass sich die Zuseher ob des Gezeigten "nicht wundern sollen". "Sich wundern" dürfte zurzeit ein beliebtes Schlagwort in der Innenpolitik sein. Aber davon später.

Vorerst zur Entstehung und zum Inhalt des Films: Einige Istrien-Aficionados haben in den vergangenen Jahren vor Ort mitbekommen, was da alles in der Region mit den Investitionen der Hypo-Alpe-Adria schiefgelaufen und versenkt worden ist.

Daraufhin haben sie mit den Künstlern Slavica Marin, Bernd Fasching, Uwe Jäntsch und Klaus Pobitzer ein Filmprojekt ins Leben gerufen. Als sogenannte Neo-Argonauten macht sich die Gruppe auf die Suche nach dem "Goldenen Vlies": in diesem Fall verloren geglaubte Werte der Bank wie Hotels, Grundstücke, Golfplätze bis hin zur Marina in Novigrad.

Die beteiligten Künstler steigern den Besitz durch künstlerische Interventionen unermesslich in ihrem Wert, sodass der anstehende (Not-)Verkauf mit Gewinn abgeschlossen werden kann.

Aus den einzelnen Kunstaktionen und eingeblendeten Zahlen und Fakten entstand die Dokumentation - ein Werk, bei dem der Zuseher oft unsicher wird, ob er nun weinen oder lachen soll. Wenn etwa ein Teilnehmer der Gruppe, Uwe Jäntsch, selbst aktiv den Verkauf einzelner Immobilien oder Grundstücke betreibt. Dafür fetzt er auf dem erwähnten umgebauten Tennisrichterstuhl durch Istrien und bietet lauthals durch ein Megafon rufend einzelne Grundstücke und Hotels zum Kauf an. Wie etwa verwaiste Baugruben um 106.000 Euro oder halb fertiggestellte Hotelanlagen um 125 Millionen Euro. Jäntsch liefert eine überaus absurde Szene, als er einem verwunderten kroatischen TV-Reporterteam in gebrochenem Englisch verständlich zu machen versucht, dass jeder einzelne Stein am Kiesstrand des Hotels bewusst platziert wurde. Jedes Steinchen für sich - die Zeit und Arbeitskraft muss bei diesem Kaufpreis schon inkludiert sein.

Eine andere, überaus gelungene Szene des Films führt zurück zu den Begrifflichkeiten des Wunderns. Eine Stimme in einem brennenden Bäumchen beauftragt Klaus Pobitzer, aus einem verwahrlosten Krautacker einen noblen Golfklub (gleich mit zwei 18-Loch-Golfplätzen!) mit Hotels und Wellnessanlagen zu schaffen. Pobitzer versucht mit eindringlichen Gebeten, Heilige wie Josef, Franziskus oder Maria für sein "Holy Golf" genanntes Vorhaben zu gewinnen. Scheitert jedoch. Kein Wunder weit und breit. Eher wundert sich der Steuerzahler über die Chuzpe der Bank, für diesen Acker 61 Millionen Euro bezahlt zu haben, um dann lediglich in einen kleinen Holzschuppen vom örtlichen Baumarkt und zwei kleine Bäumchen zu investieren.

Bank-Absurditäten

Wobei Martin Traxl im Gespräch darauf verweist, dass sich die verantwortlichen Manager die Wertanlagen und Investitionen zuvor meist nicht einmal angesehen haben. "Es sind ja auch unglaubliche Distanzen nach Istrien zurückzulegen", fügt Traxl lakonisch hinzu. Von Klagenfurt dauert es im Schnitt zweieinhalb Stunden. Die Mockumentary "Kunst rettet Österreich" ist ein kurzweiliges, erhellendes und ironisches Werk. Werner Boote gelingt es, mit Stellungnahmen, kurzen Spielszenen und gekonnten Schnitten einen durchaus sehenswerten Film zu machen.

Allein es stellt sich die Frage: Für welches Publikum? Die Zuseher, die Montagnacht den Film in der Sendung Kulturmontag gesehen haben, müssen ob des Skandals höchstwahrscheinlich nicht mehr aufgerüttelt werden. Es bleibt zu hoffen, dass sich weitere Zuseher über die TVthek des ORF finden oder er doch noch in Kinos gezeigt wird. Damit viele Menschen wegen der kostspieligen Bank-Absurditäten "manchmal sicher ein paar Tränen weinen", um auf Herrn Alexander zurückzukommen.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2016-11-21 16:11:08
Letzte Änderung am 2016-11-21 22:16:30


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