• vom 13.04.2017, 13:04 Uhr

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Update: 13.04.2017, 17:23 Uhr

Wahlkämpfer

"Emmanuel Macron hat die ideale Politikergestik"




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Von Mathias Ziegler

  • Wie der französische Kandidat seine Kontrahentin Marine Le Pen mit deren eigenen Waffen schlagen könnte.

Schmale Augen und Kommunikationsringerl: Typische Mimik und Gestik bei Geert Wilders. Auch Emmanuel Macron setzt das Kommunikationsringerl ein. Getty/afp/Raedle - © afp/anp/Lampen; afp/Tanneau; Donald Trump in gewohnter Pose mit stechendem Zeigefinger.

Schmale Augen und Kommunikationsringerl: Typische Mimik und Gestik bei Geert Wilders. Auch Emmanuel Macron setzt das Kommunikationsringerl ein. Getty/afp/Raedle © afp/anp/Lampen; afp/Tanneau; Donald Trump in gewohnter Pose mit stechendem Zeigefinger.



Paris/Wien. Donald Trump hat es geschafft, Geert Wilders, Marine Le Pen, Heinz-Christian Strache und Frauke Petry möchten noch an die Macht. Entsprechend aggressiv ist auch ihre Körpersprache, mit der sie nicht zuletzt die Wut der Verlassenen widerspiegeln, um deren Stimmen sie buhlen. "Es geht nicht nur darum, was man sagt, sondern auch, wie man es transportiert. Wie man dabei gestikuliert und aufs Rednerpult haut", erklärt der Körpersprache-Experte Stefan Verra, der schon viele Politiker analysiert und anhand seiner Studien auch schon deutsche Landtagswahlergebnisse richtig vorhergesagt hat.

Aus seiner Sicht gibt es ein paar ganz typische Merkmale, die in der Körpersprache so gut wie aller Populisten zu finden sind: "Der Kopf geht weit nach vorne, damit ist die Stirn in Angriffsposition, die Augen werden schmal gemacht, die Gesichtsmuskulatur fängt an zu zucken. Da ist die ganze Atmosphäre schon sehr aggressiv, bevor sie den Mund überhaupt aufmachen."

In Österreich sei diese Körpersprache zuletzt in den TV-Duellen der beiden Präsidentschaftskandidaten Norbert Hofer und Alexander Van der Bellen gut zu beobachten gewesen. "Da hat man ganz genau gesehen, was für ein Zorn in Hofer ist, als er mit dem Kopf immer weiter nach vorne gegangen ist, während Van der Bellen argumentiert hat. Und wie ist es dabei den Zuschauern gegangen, die Van der Bellen nicht als Bundespräsidenten wollten? Die sind vor dem Fernseher gesessen und haben sich von Hofer perfekt vertreten gefühlt."

Große Gesten, erstechender Zeigefinger, reduzierte Faust



Freilich ist die Mimik nur ein Teil der Körpersprache, wesentlich ist auch die Gestik mit weit ausladenden Armbewegungen. "Mit diesen großen Gesten wird möglichst viel Raum eingenommen", erklärt Verra. Bei Le Pen kommt in dieser Beziehung noch etwas hinzu, was sie erfolgreich, aber wenig sympathisch macht: "Sie stützt sich meistens breit auf dem Rednerpult ab. Dieses sichtbare Beanspruchen von Territorium ist evolutionär betrachtet eher eine typische Männergeste und wirkt bei einer Frau deswegen oft befremdlich. Frauen gestikulieren üblicherweise mit angelegten Ellbogen, während Männer auch die Oberarme möglichst raumgreifend einsetzen. Wenn eine Frau Gehör finden will, dann ist sie durchaus gut beraten, das ebenso zu machen, weil sie dadurch selbstbewusster wirkt - nur muss man bedenken, dass damit meist Sympathien flöten gehen. Le Pen scheint das egal zu sein."

Marine Le Pen beansprucht am Rednerpult viel Territorium.

Marine Le Pen beansprucht am Rednerpult viel Territorium.© afp/Souvant Marine Le Pen beansprucht am Rednerpult viel Territorium.© afp/Souvant

Auch die Hände spielen eine wichtige Rolle. Einerseits kommt oft der Zeigefinger zum Einsatz: "Mit dem werden entweder sinnbildlich gegnerische Argumente erstochen, so wie wir einst in der Steinzeit mit einem Stöckchen unser Gegenüber gestochen haben. Das ist ein sehr starkes Dominanzsignal. Oder aber der Finger wird erhoben, um sich selbst größer zu machen." Andererseits benutzen vor allem die Populisten auch das sogenannte Kommunikationsringerl, bei dem Daumen- und Zeigefingerspitze aneinandergelegt werden und die Hand hinauf und hinunter geht: "Auch das kommt aus der Steinzeit und ist nichts anderes als die reduzierte, die verkappte und diplomatisch angepasste Form der Faust beziehungsweise des Steines, mit dem wir früher zugeschlagen haben. Am Wirtshaustisch haut man mit der Faust auf den Tisch, um die gegnerischen Argumente zu erschlagen, am Rednerpult macht man das mit dem eleganteren Kommunikationsringerl."

Die Körpersprache muss authentisch sein

Das alles muss aber authentisch sein, betont Verra. Die Körpersprache könne man zwar pflegen und verstärken, aber wer nicht der Typ dafür sei, wirke immer unglaubwürdig. "Deswegen wird die AfD-Politikerin Frauke Petry niemals eine große Populistin sein. Ihr fehlt einfach die authentische Körpersprache." Und die US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton sei auch daran gescheitert, dass sie in ihrer Körpersprache allzu perfekt sein wollte. Verra erinnert in dem Zusammenhang an eine deutsche Studie, in der Studenten gefragt wurden, ob Trump oder Clinton glaubwürdiger sei: "Und obwohl das Bildungsbürger sind, die genau wissen, dass Trump lügt, hat er wesentlich besser abgeschnitten, weil er eben authentischer ist."

Information

Stefan Verra wurde 1973 in Lienz geboren. Er ist auf vier Kontinenten (außer Australien) als Körpersprache-Experte in verschiedensten Bereichen tätig. Er lehrt an mehreren Universitäten, macht aber auch Live-Shows.
Am 27. April gastiert er im Globe Wien mit seinem Programm "Ertappt! Körpersprache: Echt männlich. Richtig weiblich."
www.stefanverra.com
www.globe.wien


Für den Experten steht jedenfalls fest: "Le Pen, Wilders oder Strache sind als Populisten so erfolgreich, weil sie von ihrem Wesen her so agieren. Die haben ihr Gehabe nicht erst für ihre politische Rolle einstudiert. Deshalb gibt es ja auch in der FPÖ Hofer und Strache, die jeweils in ihren eigenen Bereichen sinnvoll eingesetzt sind. Ein Hofer zum Beispiel würde bei einer Aschermittwoch-Rede niemals einen solchen Hype erzeugen, wie es ein Strache oder auch ein Beppe Grillo schafft. Und vor allem wie es seinerzeit der CSU-Politiker Franz Josef Strauß geschafft hat. Weil er wusste, wie wichtig es ist, dass Mimik und Gestik zum gesprochenen Wort passen, wie er in seinen Erinnerungen geschrieben hat."

Auch der Zentrumspolitiker Macron weist aus Verras Sicht viele Ähnlichkeiten mit der Körpersprache von Populisten auf. "Jedoch in einer gesellschaftlich akzeptablen Form und mit viel eleganterer Mimik und Gestik. Insofern kommt Macrons Körpersprache dem Ideal eines Politikers näher als so manch andere. Auch weil er durch seine Mimik und Gestik intelligenter wirkt - wir wollen an der Spitze auch jemanden haben, der ein bisschen klüger ist als wir", stellt der Experte fest, der übrigens selbst niemals Politiker coacht, um diese weiterhin neutral analysieren zu können. Wobei er da auch oft sehr vorsichtig ist und Kollegen nicht versteht, die sich etwa anmaßen, Trump über eine Distanz von mehreren tausend Kilometern Narzissmus oder Dummheit zu unterstellen.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-04-13 13:08:17
Letzte Änderung am 2017-04-13 17:23:27


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