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Update: 12.07.2017, 21:37 Uhr

Interview

"Auch Schauspieler werden kaputt"




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Von Matthias Greuling

  • Nicholas Ofczarek und Tamara Metelka sind Ehepartner und Kollegen. Am Semmering lesen sie jetzt Thomas Bernhard.




© Katharina Sartena © Katharina Sartena

Er ist eines der bekanntesten Gesichter der heimischen Bühnen-welt, sie seine kongeniale Partnerin am anderen Ende des Spektrums schauspielerischer Kunst: Nicholas Ofczarek, fixer Bestandteil des Burgtheaters, und Tamara Metelka, seit 2014 am Max-Reinhardt-Seminar als Institutsleiterin für Schauspiel und Schauspielregie tätig. Am Freitag gibt es eine der seltenen Gelegenheiten, beide gemeinsam auf der Bühne zu erleben: beim Kultursommer am Semmering, wo das Paar aus Werken von Thomas Bernhard lesen wird - unter dem Motto "Der österreichische Staatspreis für Literatur".

"Wiener Zeitung": Gemeinsam werden Sie aus Bernhards "Meine Preise" und anderen seiner Werke lesen. Wieso gerade dieser Autor?

Information

Tamara Metelka und Nicholas Ofczarek Thomas Bernhard - "Der österreichische Staatspreis für Literatur" Freitag, 14. Juli 2017, 19:30 Uhr Kurhaus Semmering www.kultursommer-semmering.at oder Telefonnummer 02664/200 25

Tamara Metelka: Mich fasziniert an seinem Werk am meisten die Sprache, und die Art, wie er Wiederholungen als dramaturgisches Mittel einsetzt. Und bei Nicholas ist es tatsächlich so, dass er noch nie Bernhard gespielt hat.

Nicholas Ofczarek: Ja, ich weiß es auch nicht, aber wir sind einander bislang nicht "begegnet", jedoch üben seine Texte eine große Faszination auf mich aus.

Wenn man das Theater so sehr liebt wie Sie beide, worüber spricht man dann zuhause miteinander?

Ofczarek: Wir führen kein einziges Gespräch, das sich ums Theater dreht, zumindest sehr wenige, weil sonst hält man das gar nicht aus. Man hat auch kein Interesse, darüber privat zu sprechen.

Metelka: Letztendlich ist es ein Job, aber wenn einer von uns Schwierigkeiten hat, fragt man dann doch, sollen wir darüber reden, oder hast du einen Tipp? Aber das ist die große Ausnahme. Wir reden beim Kochen nicht über die neuesten Entwicklungen bei den Proben oder am Seminar. Anfänglich war es ein bisschen anders, da haben wir schon noch diskutiert, manchmal verbissen. Aber wir sind jetzt doch schon 21 Jahre zusammen und 20 Jahre verheiratet.

Wie viel Übereinstimmung braucht es bei Ihnen?

Metelka: Wir kennen einander sehr gut. Künstlerisch gefallen uns schon dieselben Dinge, wir lachen über die selben Sachen, haben den selben Humor. Allerdings hat Nicholas in der Bewertung von Kunst wesentlich höhere Ansprüche, vielleicht kommt das davon, dass ich in der Lehre tätig bin und er eher auf das Endergebnis schaut.

Worauf legen Sie bei jungen Talenten das größte Augenmerk?

Metelka: Das Allerwichtigste ist Wahrhaftigkeit, die suche ich immer auf der Bühne. Man sollte das Gefühl haben, egal, was ein Schauspieler auf der Bühne spielt: es entsteht im Moment.

Dabei geht es aber um einen Moment, der wiederholbar ist?

Metelka: Ja, wenn er nicht wiederholbar ist, nähern wir uns dem Bereich Performance. Das halte ich für eine bedenkliche Entwicklung in der Theaterlandschaft der letzten zwanzig Jahre. Da wird Unmittelbarkeit, wenn man sie künstlerisch erleben möchte, verwechselt mit Nichtskönnen. Ich muss es ganz klar so sagen. Ich habe den Anspruch, dass es diese künstlerische Überhöhung gibt, die Wiederholbarkeit und das Können. Dass Studenten richtig sprechen können, sich bewegen können und ein Bewusstsein entwickelt haben, darauf achte ich in der Ausbildung. Wenn sie ihre Aufnahmsprüfung machen, frage ich mich: Brennt da was? Gibt es da ein Feuer? Man sieht das innerhalb von zwei Sekunden beim Vorsprechen.

Ist Routine der große Feind des Schauspiels?

Ofczarek: Routine geht gar nicht. Unser Beruf, so wie ich ihn sehe, ist noch einer der letzten analogen Berufe. Wenn Theater wirklich lebendig sein soll, darfst du nicht bloß eine Leistungsschau abgeben. Es muss zwar eine Wiederholbarkeit geben, die sollte im Rahmen der Geschichte aber immer ein bisschen variiert werden. Nur so bleibt das Stück lebendig.

Wie gehen Sie mit Lampenfieber um?

Ofczarek: Ich habe immer noch Lampenfieber! Mehr während der Proben als vor dem Auftritt, am Premierentag eine leichte Anspannung. Ich komme ganz knapp vor der Vorstellung, gehe in die Maske und schon raus auf die Bühne, da komme ich gar nicht zum Nachdenken. Das ist mein Rhythmus. Ich amüsiere mich auch manchmal über mich, wenn ich vor einem Auftritt plötzlich ängstlich werde. Nervosität ist an sich nicht schlecht, man muss sie halt benutzen. Meistens ist sie ein Zeichen dafür, dass man zu schnell ist.

Was heißt zu schnell?

Ofczarek: Man kommt seinen eigenen Gedanken nicht hinterher. Wenn man nervös ist, am besten innehalten, sich den Moment vergegenwärtigen.

Was lehren Sie Ihre Studenten zum Thema Lampenfieber?

Metelka: Wir erarbeiten in der Schauspielausbildung Techniken, die helfen, sich nicht einzukrampfen, denn das ist das Schlimmste, was einem auf der Bühne passieren kann. Zum Beispiel Nervosität, die zu einem Hänger führt, den das Publikum deutlich merkt. Es gibt Strategien dagegen: Locker und im Fluss bleiben, dann kommt der Text wieder von ganz alleine, oder aber es merkt keiner und alle glauben, es gehört dazu.

Wie läuft so ein Auswahlverfahren am Max-Reinhardt-Seminar ab?

Metelka: Es gibt dieses Nichtbeschreibbare, diese Aura. Die sehe ich schon sehr früh, aber es gibt vor allem die Frage: Wollen die Studenten diesen Beruf wirklich ausüben? Wichtig ist aber auch: Können wir als Lehrende mit ihnen arbeiten, gehen sie auf Argumentationen ein, verstehen sie, was wir sagen, oder sind sie schon festgefahren, oder haben die Rolle vielleicht mit jemanden eintrainiert und es kommt gar nichts aus ihnen selbst?




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-07-12 16:21:11
Letzte Änderung am 2017-07-12 21:37:59


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