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Update: 14.02.2018, 07:53 Uhr

Fasten

Fasten für die Demut, nicht die Figur




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Von Gregor Kucera

  • In allen großen Religionen dieser Welt spielt der zeitweilige Verzicht eine große Rolle.

Hinduistische Sadhus leben grundsätzlich asketisch.  - © Reuters / Rupak De Chowdhuri

Hinduistische Sadhus leben grundsätzlich asketisch.  © Reuters / Rupak De Chowdhuri

Buddhistische Mönche beim Sammeln von Almosen während des Vesakh-Festes, einem hohen Feier- und Fasttag.

Buddhistische Mönche beim Sammeln von Almosen während des Vesakh-Festes, einem hohen Feier- und Fasttag.© Reuters / Dinuka Liyanawatte Buddhistische Mönche beim Sammeln von Almosen während des Vesakh-Festes, einem hohen Feier- und Fasttag.© Reuters / Dinuka Liyanawatte

Denkt man an Fasten, vor allem kurz nachdem ein neues Jahr begonnen hat, dann geht es meist um Abnehmen, "Entschlacken" oder das holistische "Detox-Projekt". Doch was dabei heute immer seltener vor Augen steht und bedacht wird, ist, dass Fasten als Einkehr und bewusstes Ritual in den großen Weltreligionen einen zentralen Platz innehat. Wenn auch in unterschiedlichen Ausprägungen und auf Basis verschiedener Hintergründe. Viele Religionen kennen Tage oder Zeiten des Fastens. Schon im alten Ägypten war das Fasten bekannt. Die Fastenkultur umfasste unter anderem den Verzicht auf Fischgerichte in der Laichzeit. Die 40-tägige Fastenzeit vor Ostern sollen die ägyptischen Kopten so von ihren Vorfahren übernommen haben.

Als Fastenzeit wird in der Westkirche der vierzigtägige Zeitraum des Fastens und Betens zur Vorbereitung auf das Hochfest Ostern bezeichnet. In den reformatorischen Kirchen ist der Begriff "Passionszeit" gebräuchlich, dafür aber jener der Fastenzeit unbekannt. In der römisch-katholischen Kirche wird seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil auch die Bezeichnung "österliche Bußzeit" verwendet. Die orthodoxen Kirchen wiederum bezeichnet die heilige und große Fastenzeit, kennen daneben aber noch drei weitere, längere Fastenzeiten. Historische Begriffe im deutschen Sprachraum sind "die große Faste" und "die lange Faste". Die wichtigste lateinische Bezeichnung ist Quadragesima. Zur Vorbereitung auf Weihnachten kennt die Westkirche eine zweite, ursprünglich ebenfalls 40-tägige Bußzeit, den Advent.

Die Zahl 40

Der biblische Hintergrund für die Festsetzung der Fastenzeit auf 40 Tage und Nächte ist das ebenfalls 40-tägige Fasten Jesu in der Wüste. Doch erinnert die Zahl 40 auch noch an weitere Daten – die 40 Tage der Sintflut (Gen 7,4–6 EU), an die 40 Jahre, die das Volk Israel durch die Wüste zog (Ex 16,35 EU), an die 40 Tage, die Mose auf dem Berg Sinai in der Gegenwart Gottes verbrachte (Ex 24,18 EU), und an die Frist von 40 Tagen, die der Prophet Jona der Stadt Ninive verkündete, die durch ein Fasten und Büßen Gott bewegte, den Untergang von ihr abzuwenden (Jona 3,4 EU).

In der orthodoxen Kirche gibt es vier mehrtägige Fastenzeiten. Die heilige und große vierzigtägige Fastenzeit beginnt sieben Wochen vor Ostern und dauert bis zum Freitag vor dem Lazarus-Samstag an. Davor liegt die "Milchwoche", in der kein Fleisch mehr, aber ausgiebig Milch, Milchprodukte und Eier verzehrt werden und regional verschiedene karnevalistische Gebräuche gepflegt werden. An die große Fastenzeit schließt unmittelbar das Fasten des Lazarus-Samstages, des Palmsonntages und der Karwoche an. Die Apostel-Fastenzeit, in der ein leichtes Fasten gilt, dauert vom ersten Sonntag nach Pfingsten bis zum Hochfest Peter und Paul am 29. Juni. Die Dauer hängt vom Osterdatum ab; dieses Fasten fällt im Neuen Kalender in manchen Jahren auch komplett aus. Daneben gibt es noch die Fastenzeit vor Mariä Entschlafung, in der streng gefastet wird. Diese dauert vom 1. bis zum 14. August. Die Philippus-Fastenzeit, die dem westlichen Advent entspricht, dauert wiederum vom 15. November bis 24. Dezember.

Auch der Islam hat ein bekanntes und großes Fastenritual. Der Ramadan (Ramadan bedeutet wörtlich übersetzt ‚der heiße Monat‘) ist der Fastenmonat der Muslime und neunter Monat des islamischen Mondkalenders. In ihm wurde nach islamischer Auffassung der Koran herabgesandt.

Das Fest des Fastenbrechens (arabisch id al-fitr / türkisch Ramazan bayrami) im unmittelbaren Anschluss an den Fastenmonat, zu Beginn des Folgemonats Schawwal, ist nach dem Opferfest der zweithöchste islamische Feiertag.

Faste oft, aber nie länger als 25 Stunden

Der einzige jüdische Ruhe- und Fastentag, der in der Tora erwähnt wird, ist der Versöhnungstag Jom Kippur. Gott fordert das von ihm auserwählte Volk, das sich durch seine Beziehung zu Gott definiert und von den anderen Völkern unterscheidet, zur Einhaltung seines ewigen Gesetzes des Fasten- und Ruhetages auf: "Ferner sprach der Ewige zu Mosche wie folgt: 'Hingegen am zehnten Tage dieses siebten Monats – es ist der Versöhnungstag – sollt ihr eine heilige Festverkündigung und einen Fasttag halten, auch ein Feueropfer dem Ewigen zu Ehren darbringen. An diesem Tage sollt ihr keinerlei Kunstarbeit verrichten, denn es ist der Versöhnungstag, an welchem ihr versöhnt werdet vor dem Ewigen eurem Gott. Denn jede Person, welche an diesem Tage nicht fastet, soll aus ihrer Nation ausgerottet werden. Und eine jede Person, die an eben diesem Tage irgendeine Kunstarbeit verrichtet, dieselbe Person will ich aus ihrer Nation vertilgen. Gar keinerlei Kunstarbeit sollt ihr an demselben tun. Dies sei ein ewiges Gesetz an allen euren Wohnplätzen. Es sei euch ein großer Ruhetag und ihr sollt fasten. Am neunten des Monats sollt ihr des Abends anfangen und von Abend bis Abend euren Ruhetag halten.'" – (Emor, Wajikra 23:26-32)[2]

Das Judentum kennt weitere Fasttage gemäß der überlieferten rabbinischen Tradition, während denen 24 oder 25 Stunden auf jegliche Nahrungsaufnahme verzichtet wird. Diejenigen Fasttage, die an bestimmte Ereignisse, wie die Zerstörung des Tempels in Jerusalem am neunten Tag des Monats Av, erinnern, werden von orthodoxen und ultraorthodoxen Juden eingehalten. Der auf den 10. Tag des Monats Tischri fallende Versöhnungstag Jom Kippur, der höchste Fastentag im jüdischen Kalender, wird im jüdischen Volk auch von weniger religiösen Juden – Mädchen ab 12, Buben ab 13 Jahren – als 25-stündiger Fasttag begangen, an dem von Sonnenuntergang bis Einbruch der Nacht (etwa eine Stunde nach Sonnenuntergang) des folgenden Tages weder feste noch flüssige Nahrung eingenommen wird. Gefastet wird zudem auch vor Purim oder vor Pessach.

Wie schon erwähnt ist der strengste Fasttag im Judentum Jom Kippur. Das Fasten ist an diesem Tag allumfassend und bedeutet für diejenigen, welche die religiöse Tradition befolgen, eine ganze Nacht und den ganzen darauffolgenden Tag weder zu essen noch zu trinken. Kein Sex, kein Autofahren, kein Baden oder Schminken – nichts soll den Prozess der seelischen Katharsis aus der Ruhe bringen, nicht einmal der Genuss von Leitungswasser. Die restlichen vier Fastentage sind kürzer als die beiden großen – sie gehen vom Morgengrauen bis zum Erscheinen von lediglich einem Stern am Nachthimmel. Einer von ihnen ist das Ester-Fasten. Im Vorfeld des Festes Purim erinnern sich die Gläubigen an Ester, die sich beim König gegen die Ermordung der Juden durch den Regierungsbeamten Haman einsetzte – so steht es im jüdischen Tanach also im Alten Testament.

Buddhismus und Hinduismus

Eine allgemeingültige Fastenzeit gibt es für Buddhisten nicht, wohl aber bestimmte Traditionen. Allerdings spielt der Verzicht im Buddhismus grundsätzlich eine wesentliche Rolle. Geht es doch beim buddhistischen Verzicht vor allem darum, Ursachen von Leid zu überwinden, das beispielsweise durch Egoismus entsteht. Auch wenn die dreimonatige Rückzugszeit der buddhistischen Mönche, kurz "Vassa", im englischen auch gerne als die buddhistische Fastenzeit bezeichnet wird, ist sie mit der christlichen nicht zu vergleichen. Buddhistische Mönche verzichten während der drei Monate von Juli bis Oktober auf das Umherziehen. Der Hintergrund dafür liegt darin, dass in dieser Zeit die Saat auf den Feldern sprießt und diese nicht von den wandernden Männern zertrampelt werden soll – so legte es Buddha fest.

Allerdings kennt der Buddhismus einen hohen Fasten- und Feiertag – das sogenannte Vesakh-Fest. Am ersten Vollmondtag im Mai oder Juni feiern Buddhisten auf der ganzen Welt dann Geburt, Erleuchtung und Tod Buddhas. Auch hier gibt es regionale Unterschiede in der Art des Zelebrierens: Es reicht dabei von einem besinnlichen Ruhe- und Fasttag bis hin zu faschingsartigen Umzügen. Für viele Menschen bedeutet Vesakh den Verzicht auf Sex, Alkohol und Fleisch. Zudem wird weiße Kleidung angelegt.

Askese als wahre Lebensaufgabe

Ähnlich wie im Buddhismus gibt es auch im Hinduismus keine einheitlichen Fastenzeiten. So fasten manche Hindus zum Ehrentag Shivas, andere wiederum zu Krishnas Geburtstag und wieder andere folgen mit ihrem Verzicht auf Nahrung dem Beispiel Ghandis und versuchen so politisch etwas zu erreichen. Für viele hinduistische Gurus, sogenannnte "Sadhus" – also religiöse Lehrer – ist das Leben bestimmt durch Askese. Es gilt dabei, auf alles zu verzichten, was nicht unbedingt zum Überleben notwendig ist. Askese und ein Leben als Einsiedler, der nur besitzt, was er am Leib trägt, ist dabei der Alltag. Auch soll nur so viel gegessen und getrunken werden, wie zum Überleben notwendig ist, auch sexuelle Enthaltsamkeit spielt eine zentrale Rolle.

Ein Sadhu, der sich vollkommen der Askese verschrieben hat, befindet sich in der vierten und letzten Phase des vedischen Ashrama-Systems. Er ist dann ein Sannyasin, also ein Entsagender, der sich von allem Weltlichen gelöst hat. Manche von ihnen ziehen umher, haben keinerlei Zuhause oder leben in Höhlen oder in der Nähe von Tempeln. Viele rauchen Haschisch oder Marihuana, um sich ganz der Meditation zu widmen, und leben von milden Gaben, einige tragen nicht einmal Kleider.

Als ritualisierte Extremform des Fastens gibt es im Hinduismus das sogenannte Prayopavesa, das sogar den Suizid durch Fasten in Kauf nimmt. Allerdings gibt es dafür eine strenge Regelung. Dieses Ritual ist nur Menschen vorbehalten, die keine Verpflichtungen und auch keinerlei Wünsche mehr im Leben haben. Miteingeschlossen sind Menschen, die an einer schweren Krankheit oder Behinderung leiden. Damit ist die Praxis durchaus vergleichbar mit dem Sterbefasten in westlichen Ländern. Allerdings muss der Wille zum Prayopavesa vorher öffentlich erklärt und von Gelehrten geprüft und erlaubt werden. Ein Beispiel aus der jüngeren Geschichte ist Sivaya Subramuniyaswami, ein in Kalifornien geborener Guru, der sich 2001 zu Tode hungerte, weil er Krebs im Endstadium hatte.

Ganz so extrem muss Fasten aber nicht enden. Es geht vielmehr um eine Rückbesinnung auf Wesentliches. Eine Abkehr von Überfluss und Luxus. Zurückgeworfen auf Grundbedürfnisse spielen Alltagsprobleme eine wesentlich geringere Rolle. Genau aus diesem Grund sind mittlerweile Fastenrituale auch abseits von religiösem Glauben immer beliebter. Wobei es nicht mehr nur um Nahrungsentzug gehen muss: Der Begriff des "digitalen Fastens" hat sich in der jüngeren Vergangenheit schon durchgesetzt. Einmal das Mobiltelefon weglegen und bewusst Zeit haben, diese genießen und nur für sich sein, fällt vielen Menschen wesentlich schwerer, als man denken möchte. Oftmals auch aus beruflichen Gründen und dem Trend zum "immer erreichbar Sein". Aber nur für sich zu sein, alleine und auf seine Grundbedürfnisse bewusst reduziert, kann eine tiefgehende Erfahrung sein.





Schlagwörter

Fasten, Fastenkultur, Fastenzeit

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-02-13 15:47:05
Letzte nderung am 2018-02-14 07:53:13



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