• vom 16.03.2018, 16:18 Uhr

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Update: 16.03.2018, 16:49 Uhr

Theaterkritik

Nazi- und Naturburschen




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Von Petra Paterno

  • Felix Mitterers "In der Löwengrube" kehrt an die Josefstadt zurück. Keine leichte Heimkehr.

V. l.: André Pohl, Florian Teichtmeister, Tobias Reinthaller, Peter Scholz.

V. l.: André Pohl, Florian Teichtmeister, Tobias Reinthaller, Peter Scholz.

Wer historische Begebenheiten auf die Bühne bringt, muss sich um Glaubwürdigkeit und Theatralität gleichermaßen kümmern. Eine gelungene Balance zwischen Fakten und Fiktionen finden nur wenige Bearbeitungen: Entweder das Bühnenunternehmen wird zum reinen Doku-Drama ("Die Ermittlung" von Peter Weiss), oder das Geschehen gerät allzu fiktional, findet mit der Realität kaum noch Berührungspunkte (wie zuletzt in der Burg-Adaption von Peter Handkes "Immer noch Sturm").

Irgendwo zwischen diesen Polen pendelt sich auch Felix Mitterers Zugang zu geschichtlichen Stoffen ein. Der Tiroler Autor hat sich häufig an der Historie abgearbeitet, mit Schwerpunkt auf der Zeit des Nationalsozialismus: siehe sein Drama "Jägerstätter" (2013) um den gleichnamigen NS-Wehrdienstverweigerer, "Du bleibst bei mir" (2011), die Lebensgeschichte der Volkstheater-Aktrice Dorothea Neff, oder "In der Löwengrube" (1998), das derzeit in der Regie von Stephanie Mohr im Theater in der Josefstadt zu sehen ist.

Information

Theater
In der Löwengrube
Theater in der Josefstadt
Wh.: 19., 20. März, 7. April

Stadttheater-Routine

Mitte der 1930er Jahre hat sich die brisante Verwechslung, von der das Stück erzählt, in der Wiener Josefstadt tatsächlich zugetragen. Verkleidet als Tiroler Bergbauer Kaspar Brandhofer (bei Mitterer: Benedikt Höllrigl), feierte der österreichische Schauspieler Leo Reuss einen unerwarteten Bühnenerfolg. Als Reuss seine wahre Identität offenbarte, er war Jude, wurde er von der Bühne verbannt und vor Gericht gestellt.

In der soliden Regie von Stephanie Mohr kehrt "In der Löwengrube" spät an die Josefstadt zurück: Bereits in den 1990er Jahren erteilte Otto Schenk den Stückauftrag an Mitterer, die Uraufführung fand allerdings im Volkstheater statt, mit Erwin Steinhauer in der Hauptrolle.

"In der Löwengrube" beinhaltet viele Szenen, in denen es ums Theater am Theater geht. Miriam Buschs Bühnenbild kopiert gekonnt die Josefstadt-Bühne - die Spiegelung verhilft der Aufführung zu mehreren charmanten Momenten. Das zwölfköpfige Ensemble trägt elegante Kostüme der Zeit (Nini von Selzam) und und hält sich durchaus wacker, allen voran Pauline Knof, die so verhuscht wie divenhaft eine von NS-Granden umschwärmte Schauspielerin mimt. Claudius von Stolzmann hat sich einiges von Joseph Goebbels abgeschaut, kopiert Diktion und Mimik des Reichspropagandaministers.

Der Abend gehört aber Florian Teichtmeister in der Rolle Kirsch/Höllrigl. In jeder Gemütslage trifft Teichtmeister den richtigen Ton - vom feinsinnigen Künstler, der an den Verhältnissen verzweifelt, bis zum rohen Naturburschen, mit kräftigem Tiroler Akzent, der sich mit den Nazis verbündet. In jedem Augenblick verleiht der Schauspieler seinen Figuren die nötige Glaubwürdigkeit.

Bei aller gut geölten Stadttheater-Routine, die hier am Werk ist - die offenbaren Mängel des Stücks können auch Regie und Darsteller nicht gänzlich kaschieren. Mitterer spitzt Fakten zu, zugleich weicht er weiträumig von der zu erzählenden Geschichte ab. Am Ende scheint vieles nicht stimmig und hinterlässt den Eindruck eines äußerst fragwürdigen Fakten-Fiktion-Mix.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-03-16 16:24:02
Letzte Änderung am 2018-03-16 16:49:17


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