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Update: 17.03.2018, 13:04 Uhr

Computersucht

Süchtig nach dem anderen Ich




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Von Daniel Bischof und Alexander U. Mathé

  • Leon spielte 16 Stunden am Tag Computer. In Kalksburg sucht er einen Weg aus der Abhängigkeit.

"World of Warcraft" hat weltweit Millionen von begeisterten Fans. - © Dragon Images

"World of Warcraft" hat weltweit Millionen von begeisterten Fans. © Dragon Images



Dieses Mädchen hat sich als Blutelfe verkleidet. Eine Figur, die auch Leon spielte.

Dieses Mädchen hat sich als Blutelfe verkleidet. Eine Figur, die auch Leon spielte.© Reuters/Wolfgang Rattay Dieses Mädchen hat sich als Blutelfe verkleidet. Eine Figur, die auch Leon spielte.© Reuters/Wolfgang Rattay

Wien. Immer wenn Leon einschaltete, konnte er abschalten. Der Computer fuhr hoch, die Welt um ihn herum und ihre Probleme verschwanden. "Wenn ich mich schlecht gefühlt habe, habe ich einfach gespielt", sagt Leon. Im Computerspiel "World of Warcraft" tauchte er ein in eine Welt voller Elfen, Magier und Ritter. Aus dem zurückgezogenen Buben wurde ein strahlender Held. Umgeben von einer eingeschworenen Gemeinschaft, stürzte er sich via Internet ins Abenteuer. Zunehmend ergriff die Parallelwelt Besitz von ihm. Irgendwann wurde sie wichtiger als das echte Leben. Woche um Woche, Monat um Monat, Jahr um Jahr spielte Leon bis zu 16 Stunden täglich. Heute ist der 23-Jährige stationärer Patient im Anton-Proksch-Institut, vulgo "Kalksburg". Diagnose: Computer- und Internetsucht.

"Internetsucht ist die am stärksten zunehmende Sucht", erklärt Psychiater Roland Mader. "Je größer das Angebot, desto mehr Nutzer. Je mehr Nutzer, desto mehr Süchtige", ist die einfache Rechnung. Mader betreut Leon und ist Leiter einer Station für Alkohol-, Medikamenten- und Spielsucht am Anton-Proksch-Institut. Seit sechs Jahren werden dort Internet- und Computerspielsüchtige stationär aufgenommen - und es werden immer mehr. Mindestens drei Prozent aller österreichischen Jugendlichen sollen aktuellen Schätzungen zufolge der virtuellen Welt pathologisch verfallen sein. Sich von ihr zu lösen, fällt Leon sichtlich schwer. Nervös sitzt er in Maders Zimmer. Er nestelt an der Schnalle seiner Armbanduhr. Rein, raus, rein, raus.

Information

Zahlen zur Internetsucht

Wie viele Internetsüchtige es in Österreich gibt, ist nicht offiziell bekannt. Zwei Studien aus dem Jahr 2013 gehen davon aus, dass drei bis vier Prozent aller Jugendlichen zwischen 15 und 18 Jahren einen krankhaften Internetkonsum aufweisen. Weitere sieben bis acht Prozent sind suchtgefährdet. Aktuellere Zahlen gibt es aus Deutschland: Laut einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung aus 2017 liegt bei 5,8 Prozent der 12- bis 17-Jährigen eine "computerspiel- oder internetbezogene Störung" vor. Während Mädchen eher nach sozialen Medien süchtig werden, kippen Buben meist in Computerspiele hinein. "Buben tauchen lieber in Fantasiewelten ein und suchen das Abenteuer. Mädchen sind eher dort, wo Gefühle und Beziehungen zu finden sind", erklärt Psychiater Roland Mader. Hinsichtlich der Erfolgsquoten der Therapien verweist Mader auf wissenschaftliche Literatur aus Deutschland und den USA. Demnach ist eine Therapie bei einem Drittel der Patienten erfolgreich: Sie schaffen es, ihr Onlineverhalten nachhaltig zu ändern. Ein weiteres Drittel wird rückfällig, schafft es dann jedoch, eine Verbesserung zu erzielen. Das restliche Drittel wird rasch rückfällig. "Das stimmt auch mit unseren Erfahrungen überein", sagt Mader.

Tipps für Eltern

Psychiater Roland Mader rät Eltern, ihren Kindern Grenzen zu setzen. "Umso jünger der Mensch, desto mehr Kontrolle muss ihm von außen gegeben werden", sagt der Mediziner. So müsse etwa die Onlinezeit begrenzt werden. "Auch dürfen Eltern ihren computerspielenden Kindern das Essen nicht ins Zimmer bringen. Gegessen wird im Esszimmer."
Weise das Kind bereits einen exzessiven Internetkonsum auf, müsse man es aus der virtuellen Welt herausholen. "Aber nicht mit erhobenen Zeigefinger", mahnt der Mediziner. Stattdessen sollen Eltern sich um ihre Kinder kümmern und ihnen gemeinsame Aktivitäten - wie etwa Fußballspielen - anbieten, so Mader.

"Jede Sekunde des Spiels habe ich mich gut gefühlt", sagt der 23-Jährige. "Dabei ist es mir damals eigentlich beschissen gegangen. Ich hatte innerlich Schmerzen. Aber ich hatte nichts anderes, um mich abzulenken und aufzuheitern." Gerade dieses Wohlbefinden ist so typisch, wie es auch gefährlich ist. "Dem Süchtigen geht es gut, er fühlt sich in seiner virtuellen Welt geborgen. Erst spät merkt er, dass etwas schiefläuft", erklärt Mader.

Zuerst Gameboy, dann PC

Auch Leon begann klein, bevor er zum jahrelangen Gefangenen seiner Sucht wurde. "Ich habe zuerst mit dem Gameboy gespielt. Mit zwölf Jahren habe ich dann meinen eigenen PC bekommen", erzählt er. Damals achteten die Eltern noch auf eine zeitliche Begrenzung. Mehr als ein oder zwei Stunden täglich spielte er nicht. "In der Unterstufe bin ich auch noch ziemlich aufgeweckt gewesen. Da war alles noch viel kindlicher und einfacher."




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-03-16 17:29:52
Letzte Änderung am 2018-03-17 13:04:50


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