• vom 21.03.2018, 16:48 Uhr

Top News

Update: 22.03.2018, 07:51 Uhr

Mobilitätswende

Dicke Luft




  • Artikel
  • Kommentare (3)
  • Lesenswert (15)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Bernd Vasari

  • Madrid, London, Oslo, Paris drängen Autos für eine bessere Luft zurück. In Wien macht man weiter wie bisher.


© Barry Le/Corbis via Getty Images © Barry Le/Corbis via Getty Images

Wien. Das Auto im Mittelpunkt, alles andere kommt danach. Jahrzehnte lang lebten Städte mit dieser Devise. Sie ordneten sich den Fahrzeugen unter, machten Platz für das Verkehrsmittel auf vier Reifen. Häuserfronten wurden abgerissen, Geschwindigkeitsgrenzen hinaufgeschraubt. Nichts sollte dem Symbol für Status, Freiheit, Eigenständigkeit im Weg stehen. Die Schattenseiten des Autowahns wurden ignoriert, im besten Fall schöngeredet.

Doch damit ist es nun vorbei. Die hohe Belastung der Luft durch die Diesel- und Benzinmotoren wurde zu einer Gefahr für die Gesundheit der Menschen, die nicht mehr ignoriert werden kann. Vor allem Kinder und schwächere Personen leiden unter der Luftbelastung. Die von den Autos erzeugten Stickstoffidoxide und Feinstaub erhöhten die Zahl der Todesfälle und Notfälle aufgrund von Atemwegserkrankungen wie Asthma und Bronchitis.

Wie Städte damit umgehen, hat sich die "Wiener Zeitung" in vier Fällen angesehen.

Madrid

Es war ein paar Tage vor Silvester 2016, als sich über Madrid eine Smogwolke bildete, die selbst von überzeugten Diesel- und Benzinfahrern nicht übersehen werden konnte. Ein Hochdruckgebiet hatte dazu geführt, dass sich über der Stadt eine Dunstglocke bildete und erhöhte Werte des Schadstoffs Stickstoffdioxid gemessen wurden. Die Stadtregierung musste handeln. Die Gesundheit der Bürger stand auf dem Spiel. Nachdem der Smogalarm auf die zweithöchste Stufe "3" angehoben wurde, erließ die Stadt ein Fahrverbot für die Hälfte aller Fahrzeuge innerhalb des Autobahnrings M-30. Nur Autos, deren Kfz-Kennzeichen mit einer ungeraden Zahl endeten, durften den Autobahnring passieren. Zudem durften nur Anrainer in der Innenstadt parken. Es waren Maßnahmen der Stadt, die es so in Spanien noch nicht gab.

Als die Werte nach unten gingen, wurden die Einschränkungen wieder aufgehoben. Wenn auch nur vorübergehend. An Tagen hoher Stickoxidbelastung dürfen weiterhin nur halb so viele Autos in die Stadt, mal jene mit gerader Kennzeichennummer, mal jene mit ungerader Kennzeichennummer. Doch damit nicht genug. Seit dem 1. Juni müssen Fahrer von Dieselautos mit Erstzulassung vor 2006 (bei Benzinern vor 2000) in Madrid innerhalb der Ringautobahn fürs Parken 25 Prozent mehr zahlen. Abgasarme Autos zahlen bis zu 50 Prozent weniger, Elektroautos und andere abgasfreie Fahrzeuge parken gratis. Zudem gilt Tempo 30 in allen Einbahnstraßen, dazu Fahrverbote für Altfahrzeuge.

Mit den Maßnahmen will die Stadtregierung rund um die linke Bürgermeisterin Manuela Carmena ein neues Zeitalter einläuten. Bis 2025 soll es ein komplettes Fahrverbot für Diesel geben. Seit den drei Jahren ihres Amtsantritts hat sich Carmena dem Kampf gegen die Abgase verschrieben. Ganz im Gegensatz zu ihren Vorgängern. Die früheren konservativen Stadtregierungen hatten bei Smog keine Verkehrs-Einschränkungen angeordnet.

London

Der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan weiß, was es heißt, nur sehr schwer Luft zu bekommen. Sein eigener, lebenslanger Leidensweg hat den Asthmatiker geprägt. Er war einer jener Schüler, die aufgrund von Asthmaanfällen tagelang nicht zur Schule gehen konnten, die Konzentrationsschwierigkeiten bei den Schulaufgaben hatten. Jedes elfte Kind in Großbritannien hat Asthma. Khan hat seine Krankheit in den Griff bekommen. Dass sie weiterhin da ist, daran erinnert ihn sein täglicher Wegbegleiter, der Inhalator.

Die Ursachen für Asthma sind vielfältig. Zu den Auslösern zählen Allergien, Infektionen und chronische Entzündungen der Atemwege. Ein häufiger Auslöser ist jedoch die Luftverschmutzung. Die Zahlen der Neuerkrankungen übertreffen jährlich problemlos die 100.000-Marke. Knapp 9500 Londoner sterben sogar jährlich aufgrund von Feinstaub, Ozon und Autoabgasen.

Khan setzt auf kostspielige Abgaben, um "Londons tödliche Luft", wie er sie nennt, in Griff zu bekommen. Als Erstes soll die Zahl dreckiger Dieselfahrzeuge verringert werden. Im Oktober wurde dafür die "Toxicity Charge", eine Vergiftungsabgabe, eingeführt. Zu der für jeden Autofahrer fälligen Maut um 11,50 Pfund pro Tag kommen nochmals 10 Pfund Giftgebühr drauf. Betroffen sind Wagen, die nicht der Euro-4-Abgasnorm entsprechen. Kameras erfassen die Nummernschilder der jeweiligen Fahrzeuge. Ab 2025 soll es in London Null-Emissions-Zonen geben. Vergangenen Juli äußerte sich der britische Umweltminister Michael Gove. Demnach soll der Verkauf von neuen Diesel- und Benzinfahrzeugen ab 2040 verboten werden.

Die Ankündigung des konservativen Ministers verstärkte die Verunsicherung der Briten beim Thema Verbrennungsmotoren. Die Folgen: Der britische Automarkt hat 2017 den größten Einbruch seit acht Jahren erlitten. Nach zwei Rekordjahren in Folge fiel der Absatz von Neuwagen um mehr als fünf Prozent. Für dieses Jahr wird ein weiterer Rückgang des Autoabsatzes um bis zu sieben Prozent erwartet. Der Einbruch von 13,9 Prozent im Dezember stimmte die Branche auf schwierige Zeiten ein.

Oslo

Eine Billion Dollar, oder rund 193.000 Dollar für jeden Norweger, beinhaltet der staatliche Fonds, der von den Öleinnahmen des Landes gespeist wird. Damit ist die Förderung des fossilen Brennstoffs der mit Abstand bedeutendste Wirtschaftszweig Norwegens. Ein Land, wie geschaffen für Autos mit Diesel und Benzinantrieb, möchte man meinen. Doch falsch gedacht. In kaum einem anderen Land geht der Kauf von Verbrennungsmotoren im Vergleich zu anderen Antriebsarten so stark zurück wie hier. Der Marktanteil an Neuzulassungen von Elektroautos stieg zuletzt von 29,1 auf 39,3 Prozent. Allein 2017 wurden mehr als 62.000 Elektroautos neu zugelassen, was einen Anstieg um 39 Prozent bedeutet. Dass die Elektroautos so beliebt sind, liegt an finanziellen Vorteilen: Mehrwertsteuer, Importsteuer und Kfz-Steuer fallen weg.

Doch auch die Einschränkungen für Benzin und Diesel in der Hauptstadt Oslo sorgen für ein Umdenken. In Oslo dürfen Diesel an Tagen mit hoher Smogbildung nicht in die Stadt. Wer gegen das Verbot verstößt, riskiert ein Bußgeld von umgerechnet knapp 170 Euro. Das Verbot gilt nur für den innerstädtischen Verkehr, große Durchfahrtstraßen durch Oslo sind ausgenommen. Für das nun verhängte Verbot wurde eine Neuregelung aus dem Februar 2016 genutzt, die damals von der rot-grünen Mehrheit im Stadtrat beschlossen wurde. Sie zielt auf die Gefährdung durch die Stickstoffdioxid-Belastung von Diesel-Fahrzeugen ab.

Die grüne Umweltstadträtin Lan Marie Nguyen Berg sagte zur Begründung, Kinder, Senioren und Menschen mit Atemwegserkrankungen könne nicht zugemutet werden, dass sie "zu Hause eingesperrt" seien, weil die Luft draußen "zu gefährlich zum Atmen" sei. Bis 2024 soll der Verbrennungsmotor ganz aus dem Zentrum verschwunden sein.

Paris

Auch in Paris reagiert die Stadtverwaltung auf die Luftverschmutzung. So sollen bis 2024 keine Diesel und bis 2030 keine Benziner mehr in der Stadt fahren. Derzeit verbannt Paris 20 Jahre oder ältere Autos aus der Innenstadt. Seit vergangenem Jänner benötigen alle Autos ein Schadstoff-Pickerl. Für mehr als 4 Euro online erhältlich, ist es nach der Euro-Norm des Autos ausgerichtet. Bei Verstößen drohen Bußgelder zwischen 68 und 135 Euro. Die bis vor kurzem geltende Regelung, dass bei Smog abwechselnd nur Fahrzeuge mit geraden oder ungeraden Nummernschildern in die Innenstadt fahren dürfen, wurde abgeschafft. Stattdessen dürfen an solchen Tagen dann künftig nur noch Fahrzeuge mit geringen Emissionen fahren.

Ziel sei, Paris "mittel- und langfristig zu einer CO2-neutralen Stadt zu machen", erklärte die Stadtverwaltung. Damit will Paris Vorgaben der französischen Regierung deutlich früher umsetzen als geplant. Umweltminister Nicolas Hulot hatte im Juli angekündigt, bis 2040 den Verkauf von Dieselautos und Benzinern stoppen zu wollen. Der für Verkehr zuständige Stadtbeauftragte Christophe Najdovski sagte dem Radiosender Franceinfo, ein Ausstieg bereits zehn Jahre früher sei "machbar". Mehrere Autohersteller hätten ein Ende der Herstellung von Dieselfahrzeugen angekündigt und setzten zunehmend auf Elektroautos. Zudem mache der Klimawandel ein rasches Handeln nötig.

Vorangetrieben wird die Mobilitätswende von der sozialistischen Bürgermeisterin, Anne Hidalgo. Sie scheute auch nicht davor zurück, wichtige Verkehrsadern zu kappen. So wurde etwa die Uferstraße an der Seine gesperrt. Sie ist nur noch für Fußgänger und Radfahrer zugänglich. Nun geht sie einen Schritt weiter und plädiert für kostenlosen öffentlichen Nahverkehr. Hidalgo kündigte dazu eine Machbarkeitsstudie an. Viele große Städte in der ganzen Welt arbeiteten an Konzepten für bessere Luft und eine saubere Mobilität, sagte die Politikerin der Zeitung "Les Echos".

Um die Zahl der Autos auf den Straßen zu senken, sollen nun die öffentlichen Verkehrsmittel attraktiver werden. Dazu müsse man den Nahverkehr nicht nur ausweiten und komfortabler machen. "Wir müssen auch das Gebührensystem überdenken."

Kritik an Hidalgos Vorschlag kam umgehend von der Chefin der Pariser Umlandsregion Ile-de-France, Valerie Pecresse. Die konservative Politikerin ist auch Chefin der regionalen Verkehrsbehörde Idem. Sollten die Fahrgäste nicht zahlen, müssten das die Steuerzahler machen. Priorität müsse sein, den Verkehr zu modernisieren. Der Fahrkartenverkauf bringe jährlich drei Milliarden Euro. "Wir brauchen das Geld", sagte Pecresse "Radio Classique". Die Politikerin könnte bei den Bürgermeisterwahlen 2020 gegen Hidalgo antreten.

Wien

Fahrverbote werden in Wien nur von den Grünen angedacht. Sie fordern Umweltzonen. Dagegen spricht sich jedoch der rote Koalitionspartner aus. "Die Luft ist so gut wie nie zuvor", frohlockte die Umweltstadträtin Ulli Sima (SPÖ) im Februar. Dass an 23 Tagen der Feinstaubgrenzwert überschritten werde, stört sie genauso wenig wie die zu hohe Stickstoffdioxidbelastung bei der Messstelle am Hietzinger Kai (Westeinfahrt).

Das politische Verkehrskonzept aus dem Jahr 1969 wird in Wien weiterhin ausgeführt. Um Autos Platz zu machen, müssen Straßenbahnen mittelfristig durch die U-Bahn sowie durch Busse in dichtverbautem Gebiet ersetzt werden. Zuletzt musste ein wesentlicher Teil der Straßenbahnlinie 67 der U-Bahnlinie U1 weichen. Eine Trendwende kann derzeit nur von den Bürgern selbst herbeigeführt werden.

Auch in anderen österreichischen Städten gibt es keine konkreten Pläne für Fahrverbote von Autos mit Verbrennungsmotor.





3 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-03-21 16:12:06
Letzte Änderung am 2018-03-22 07:51:35


Werbung




Werbung