• vom 05.04.2018, 17:28 Uhr

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Update: 05.04.2018, 17:40 Uhr

Ungarn

"Fidesz kann man nicht rechts überholen"




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Von WZ-Korrespondentin Kathrin Lauer

  • Ágnes Heller über den Wandel der rechtsextremen Jobbik und ihre Hoffnung auf Neuwahlen in Ungarn.

"Gemeinsam würden sie die Grenzsperre demontieren" , unterstellt Ungarns Regierungspartei Fidesz dem Milliardär George Soros (Mitte) und der Opposition, darunter Jobbik-Chef Gábor Vona (Zweiter von rechts). - © afp/Kisbenedek

"Gemeinsam würden sie die Grenzsperre demontieren" , unterstellt Ungarns Regierungspartei Fidesz dem Milliardär George Soros (Mitte) und der Opposition, darunter Jobbik-Chef Gábor Vona (Zweiter von rechts). © afp/Kisbenedek

In Ungarn dürfte am Sonntag der Rechtspopulist Viktor Orbán mit seiner Partei Fidesz zum dritten Mal in Folge die Parlamentswahl gewinnen. Zwar ist die Unzufriedenheit im Volk gewachsen, doch angesichts der zersplitterten Opposition gelten die Chancen für einen Machtwechsel als gering. Im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" plädiert die vormals marxistische, heute liberale 88-jährige ungarische Philosophin Ágnes Heller für eine breite Front gegen Orbán - auch um den Preis der Kooperation der Oppositionskräfte mit der rechtsextremen, sich nun gemäßigter gebenden Jobbik.

"Wiener Zeitung": Ihre Forderung, dass die linksliberalen Parteien mit Jobbik zusammenarbeiten sollen, um Orbáns Partei Fidesz zu stürzen, hat Aufsehen erregt und Widerspruch provoziert...

Information

Ágnes Heller forscht zu Sozialphilosophie und politischer Theorie. Geboren 1929, entging sie dem Holocaust nur knapp. Lebt seit ihrer Emeritierung wieder in ihrer Geburtsstadt Budapest. Anfang April erschien ihr Buch "Was ist komisch? Kunst, Literatur, Leben und die unsterbliche Komödie" (Edition Konturen, 272 Seiten).

Ágnes Heller: Ich habe nicht gesagt, dass sie zusammenarbeiten sollen. Sondern: Wenn ein Jobbik-Kandidat für das Parlament mehr Chancen hat, sollen ihn auch Linke wählen. Das ist noch keine Zusammenarbeit. Umfragen zeigen, dass die Sympathisanten der Linken auch Jobbik-Politiker wählen würden und umgekehrt, wenn es der gemeinsame Kandidat aller Oppositionsparteien ist. Nicht die Parteien verbünden sich, sondern die Wähler.

Besteht aber nicht das Risiko, dass Jobbik zu stark wird?

Das ist kein Risiko. Wenn Jobbik stark wird, bedeutet es, dass Fidesz nicht stark wird. Und das ist heute das Wichtigste.

Ist Jobbik nicht rechtsradikal?

Jobbik war rechtsradikal. Jetzt aber ist Fidesz noch rechtsradikaler, im stärksten Sinne des Wortes: Sie sind rassistisch, sie sind gegen Roma, sie sind auch antisemitisch. Und sie lügen Tag und Nacht. Jobbik hat sich jetzt in der Mitte positioniert.

Ist das ernst gemeint?

Mich interessiert nicht, was in der Seele von Jobbik los ist. Rechtsaußen gibt es keinen Platz, den hat Fidesz schon besetzt. Jobbik hat nur noch in der konservativen Mitte Platz. Fidesz kann man nicht mehr rechts überholen.

Welchen ungarischen Oppositionspolitiker mögen Sie am meisten?

Peter Márki-Zay, den neuen Rathauschef in der bisherigen Fidesz-Hochburg Hódmezővásárhely, der vor fünf Wochen überraschend die Bürgermeisterwahl gegen den Fidesz-Kandidaten gewonnen hat. Weil er parteilos ist. Marki-Zay ist ein wunderbarer Mensch. Er hat Führungsqualitäten. Ich glaube, er wird unser nächster Ministerpräsident.

Worin bestehen seine Führungsqualitäten?

In seiner Kompromissfähigkeit. Jobbik hat ihn zuerst vorgeschlagen, ihn erfunden. Erst danach haben auch die Linken und Liberalen ihn unterstützt. Nach der Wahl hat er sofort eine Sozialistin zur Vizebürgermeisterin ernannt. Das heißt für mich: Er weiß, wie man Politik macht.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-04-05 17:34:17
Letzte Änderung am 2018-04-05 17:40:31


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