• vom 25.05.2018, 18:21 Uhr

Top News

Update: 27.05.2018, 18:25 Uhr

Finanzkrise

"Primitiver Populismus in Italiens Wirtschaft"




  • Artikel
  • Lesenswert (13)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Anja Stegmaier

  • Der Ökonom Stephan Schulmeister über Austeritätspolitik, die zu Populismus führt, und die Stärken Europas.



Italien wurde zum Wachstumsnachzügler in der Eurozone, sagt der Ökonom Stephan Schulmeister.

Italien wurde zum Wachstumsnachzügler in der Eurozone, sagt der Ökonom Stephan Schulmeister.© APAweb / AFP, FILIPPO MONTEFORTE Italien wurde zum Wachstumsnachzügler in der Eurozone, sagt der Ökonom Stephan Schulmeister.© APAweb / AFP, FILIPPO MONTEFORTE

"Wiener Zeitung": Herr Schulmeister, Italiens neue Regierung steht mit ihrem Wirtschaftsprogramm etwa in Deutschland in der Kritik. Rom müsse sparen, sonst blüht ein neues Griechenland. Stimmt das?

Stephan Schulmeister: Nein, das ist viel komplizierter und reicht weit in die Vergangenheit zurück. Italien hatte traditionell schon vor der Gründung der Währungsunion ein überdurchschnittlich hohes Niveau der Staatsverschuldung. Gleichzeitig war das Land fast ausschließlich bei seinen eigenen Bürgern verschuldet. Das unterscheidet das Land von Griechenland oder Spanien. Das Problem besteht jetzt darin, dass die neue Regierung EU-kritisch ist und die Währungsunion teilweise ablehnt. Das führt mit dem hohen Schuldenstand zu diesen Ermahnungen.

Stephan Schulmeister.

Stephan Schulmeister. Stephan Schulmeister.

Ist die Kritik ungerechtfertigt?

Das Grundproblem ist, dass in der deutschen Politik und auch in der EU-Kommission offiziell noch immer der Leitsatz gilt: "Der Schuldner ist schuld." Es herrscht die Vorstellung, dass wenn jemand ein Defizit hat und noch dazu fast permanent, dann ist er selbst schuld. Und er hat auch die Möglichkeit und die Verpflichtung, dieses Defizit zu steuern. Aber: Das ist eine falsche Diagnose. Denn der Staat ist nur ein Teil des ökonomischen Gesamtsystems. Wenn in anderen Teilen der Ökonomie etwas passiert, wie eine Finanzkrise, dann erleidet der Staat ein Defizit. Das bedeutet nicht, dass er nichts dagegen tun kann, aber seine Möglichkeiten sind beschränkt. Wir wissen heute, dass in den Ländern, in denen am meisten gespart wurde, die Staatsschuldenquote am stärksten gestiegen ist. Nicht nur in Südeuropa, auch in Großbritannien.

Was hindert Italien, seine Finanzlage zu verbessern?

Das sind viele Probleme, die man unter dem Begriff "strukturell" subsumieren kann. Es beginnt mit dem Unterschied zwischen dem Norden und Süden im Land - wovon die Lega in ihrer rechten Politik profitiert, bis hin zur Tatsache, dass Bereiche der italienischen Exportindustrie durch Verlagerungen im Rahmen der Globalisierung in Mitleidenschaft gezogen wurden. Kurz: Italien wurde zum Wachstumsnachzügler in der Eurozone schlechthin - nach Deutschland. Bis zum Jahr 2006 war Deutschland der große kranke Mann Europas.

Steckt Italien in einem Teufelskreis?

Ja. Italien braucht jetzt nicht nur ökonomisch, sondern auch sozial und politisch eine europäische Perspektive. Denn beim Aufkommen EU-kritischer und populistischer Parteien gleichzeitig ein weiteres Schrumpfen zu verlangen - und zudem bei der Verteilung der Flüchtlinge völlig zu versagen -, befördert den Populismus in Italien ungemein.




weiterlesen auf Seite 2 von 2




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-25 18:28:07
Letzte Änderung am 2018-05-27 18:25:30


Werbung




Werbung