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Update: 16.08.2018, 18:41 Uhr

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"Krise von 2008 könnte sich wiederholen"




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Von Thomas Seifert

  • Der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph E. Stiglitz hält die derzeitige Finanzkrise in der Türkei für brandgefährlich.

Stieglitz warnt... - © Image generated at wishafriend.com

Stieglitz warnt... © Image generated at wishafriend.com

"Wiener Zeitung": Es ist beinahe zehn Jahre her, dass die Investmentbank Lehman Brothers kollabierte - das war damals der Auslöser der Weltwirtschaftskrise. Kann sich so eine Krise auch heute wiederholen?

Joseph E. Stiglitz: Ein schwerer Schock für die Weltwirtschaft könnte das System auch heute wieder zum Einsturz bringen - das wäre dann eine Wiederholung der Krise des Jahres 2008. Es gibt heute aber bessere Puffer, die das System ein wenig besser stabilisieren. Aber in den USA arbeitet Präsident Donald Trump schon wieder daran, Regulierungen zurückzufahren, und einige der Marktteilnehmer verhalten sich schon wieder in verantwortungsloser Weise und sind an hochriskanten Geschäften beteiligt. Mir scheint, als hätten einige die Botschaft von 2008 noch immer nicht verstanden, und die Kultur der Branche hat sich auch nicht in ausreichender Weise geändert. Ein weiteres Problem im Jahr 2008 waren die globalen wirtschaftlichen Ungleichgewichte. Da gab es einerseits Länder wie Deutschland oder China, die riesige Leistungsbilanzüberschüsse erzielten, während andere gewaltige Leistungsbilanzdefizite aufzuweisen hatten.

Die Theorie lautete, dass wenn sich die Umstände auf den Weltmärkten und den Finanzmärkten ändern, diese Ungleichgewichte zutage treten und die Krise verstärken würden. Und genau das ist passiert: Plötzlich zögerten Kreditgeber, Volkswirtschaften, die große Leistungsbilanzdefizite hatten, Geld zu leihen. Die Finanzkrise in den USA und die globalen Ungleichgewichte zusammen haben die Weltwirtschaft damals fast in die Knie gezwungen. Es gibt übrigens eine Reihe von Ökonomen, die sagen, dass wir heute wieder in einer ähnlichen Situation sind. Länder mit einem hohen Leistungsbilanzdefizit, wie etwa die Türkei oder Argentinien, sind ja bereits in Schwierigkeiten.

...das System globaler Kooperation.

...das System globaler Kooperation.© Andrei Pungovschi ...das System globaler Kooperation.© Andrei Pungovschi

Die USA gehören übrigens ebenfalls in diese Gruppe, aber nachdem der US-Dollar die wichtigste Reservewährung der Welt ist, sind die USA eine Kategorie für sich. Viele ökonomischen Gesetze sind da außer Kraft gesetzt. Was mir im heutigen Kontext Sorge bereitet: Wir haben keine tauglichen Waffen, mit denen wir die nächste Krise bekämpfen können: Die Zinsen sind ohnehin niedrig und es gibt wenig politischen Appetit auf eine Belebung der Wirtschaft durch Investitionen.

Uns bleiben also nicht viele Mittel zur Krisenbekämpfung? Die Welt hat also den Medizinschrank seit 2008 leer geräumt?

So kann man das sagen. Wir haben wie gesagt die Puffer verbessert - wenn man im Bild bleiben will, könnte man sagen, das Immunsystem ist ein wenig stärker, aber wir haben wirklich nicht mehr viel ökonomisches Penicillin im Schrank. Die USA versuchen, das Zinsniveau wieder zu normalisieren. Und genau das ist derzeit eine Ursache für die Turbulenzen auf den Weltmärkten. Märkte denken sehr kurzfristig. Jeder vernünftige Mensch fragt sich, warum sich die Marktteilnehmer nicht schon vor einem Jahr auf diese Situation eingestellt haben. Es muss ja wirklich jedem klargewesen sein, dass die Zinsen steigen werden.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-16 17:38:47
Letzte Änderung am 2018-08-16 18:41:30


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