• vom 02.10.2018, 07:30 Uhr

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Helden auf Entzug




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Von Judith Belfkih

  • Nicht erst mit dem aktuellen "Don’t smoke"-Volksbegehren trägt die Menschheit die vielen schillernden Identitäten eines Lasters zu Grabe.

Werbung anno 1935: Die Zigarette als der treueste Freund der mondänen Frau.

Werbung anno 1935: Die Zigarette als der treueste Freund der mondänen Frau.© Mary Evans / picturedesk.com Werbung anno 1935: Die Zigarette als der treueste Freund der mondänen Frau.© Mary Evans / picturedesk.com

Rauchen war einmal mondän. Es stand für Freiheit, für Rebellion, galt manchen als Zeichen der Emanzipation, des schwer ersehnten Erwachsenseins. In der Werbung wurde die Verruchtheit des Qualmens ebenso bemüht wie ein vermeintlich damit einhergehender Heldentum oder ein damit assoziiertes Weltbürgertum. Als Friedenspfeife stand und steht es gar international für eine Geste der Versöhnung, als Zigarre galt und gilt es in manchen Kreisen als Insignie der Macht - und der phallischen Potenz. Als Kommunikations-, Inspirations- und Flirtgehilfe ist es nach wie vor im Einsatz. Kaum eine Tätigkeit hat derart viele Lebensvorstellungen, gesellschaftliche Klischees, kollektive Träume, moralische Verurteilungen und individuelle Emotionen auf sich gezogen und in sich versammelt wie - das Rauchen.

Damit ist theoretisch seit einigen Jahren Schluss. Zumindest geht es rapide bergab mit dem öffentlichen Image. Sucht, Raucherbein und Teerlunge prägen nicht erst seit dem Bann der Werbung und der Einführung abschreckender Fotos auf Zigarettenpackungen das öffentliche Bild. In vielen Ländern sind Raucher von Teilen des sozialen Miteinanders ausgeschlossen, wurden gesetzlich vor die Tür von Bars und Restaurants gesetzt. Hier nun eine Erkundung des bunt schillernden gesellschaftlichen Höhenfluges - und des tiefen Falles - eines immer ein bisschen verruchten Lasters.


Exotische Weltgewandtheit
Den Tabak brachte Christoph Columbus mit aus seiner frisch entdeckten Neuen Welt. Die Urvölker Amerikas nutzten die Tabakpflanze für Zeremonien und ehrten mit dem Rauchen ihre Götter. In Europa wurde der Tabak nicht sofort als Genussmittel eingestuft, sondern als Medizinprodukt - von Ärzten verschrieben gegen Kopfschmerzen oder Gicht. Eine Einschätzung, die sich lange halten sollte - vor allem in der Werbung. "Gönn’ deinem Rachen eine Pause", empfiehlt ein Arzt auf einer Hochglanz-Einschaltung aus den frühen 1930ern, "Rauche eine frische Zigarette!" Auf anderen Sujets dieser Zeit werden Vorzüge wie Gewichstverlust angepriesen - schon damals mit luftig gekleideten schlanken Mädchen.

Die Pfeife und später der Schnupftabak waren im 18. Jahrhundert Attribute des Adels, Tabak damit ein absolutes Luxusgut. Erst um 1800 mit dem aufstrebenden Bürgertum gewann die Zigarre an Bedeutung als Symbol für neu errungene Freiheit. Noble Herrenzimmer und ebensolche Zigarrensalons haben hier ihren Ursprung.

Mitte des 19. Jahrhunderts trat die Zigarette in Europa von Frankreich aus ihren Siegeszug an. Anfang des 20. Jahrhunderts hatte sie die Zigarre an Beliebtheit überholt. Die Packungen zierten oft orientalische oder exotische Motive - von Pyramiden über Kamele bis zu Haremsdamen. Wer rauchte, war weltläufig, mondän und international. Beiworte, mit denen sich zu schmücken es auch der sich zu emanzipieren beginnenden Frau zunehmend gefiel. Der lässige Zigaretten-Spitz der 1920er wurde zum Accessoire dieser aufkeimenden gesellschaftlichen Selbstermächtigung.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2018-10-01 17:33:29
Letzte Änderung am 2018-10-01 20:57:02



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