• vom 12.10.2018, 08:00 Uhr

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München

Immobilienblase an der Isar




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Von Alexander Dworzak aus Bayern

  • In München wird der Denkmalschutz ignoriert, die Preise für Miete und Kauf haben sich rapide erhöht.

Eine Wandmalerei des Künstlers Heiko Krause stilisiert das Uhrmacherhaus und erinnert an die Demolierung des denkmalgeschützten Gebäudes. - © Alexander Dworzak

Eine Wandmalerei des Künstlers Heiko Krause stilisiert das Uhrmacherhaus und erinnert an die Demolierung des denkmalgeschützten Gebäudes. © Alexander Dworzak

Überreste des Uhrmacherhauses in Obergiesing.

Überreste des Uhrmacherhauses in Obergiesing.© Dworzak Überreste des Uhrmacherhauses in Obergiesing.© Dworzak

München. Was gerettet werden konnte, ist abgedeckt. Der historische Keller ist teilweise erhalten, aber an der Oberfläche blieb praktisch nichts übrig. Binnen zehn Minuten wurde das sogenannte Uhrmacherhaus demoliert. Ein Stück Stadtgeschichte ist seit 1. September 2017 unwiederbringlich verloren. "Bereits tags zuvor ist der Bagger gekommen, Anrainer konnten noch das Schlimmste verhindern. Keine 24 Stunden später, am helllichten Tag, demolierten sie das Haus", erzählt Angelika Luible.

Die Innenarchitektin entstammt einer alteingesessenen Obergiesinger Familie. In dem traditionellen Arbeiterviertel befand sich das Uhrmacherhaus, es war Teil der Feldmüllersiedlung - "Münchens ältester noch erhaltenen Arbeitersiedlung", betont Luible. Zwischen 1830 und 1860 wurden die kleinen Handwerkerhäuser erbaut. Sie befinden sich unter Denkmalschutz. Umso unverständlicher, dass das Uhrmacherhaus dennoch zerstört wurde - gleichzeitig sinnbildhaft für einen Immobilienmarkt, der aus den Fugen geraten ist.


Zuzug, Anleger, Niedrigzinsen
München wächst, und die Preise steigen ins Unermessliche. Knapp 200.000 Einwohner sind in den vergangenen zehn Jahren zugezogen, 1,5 Millionen Menschen leben mittlerweile in der bayerischen Metropole. Studierende kamen ebenso in die Universitätsstadt wie - vor allem junge - Berufstätige. In München brummt das Dienstleistungsgewerbe, und auch die DAX-Konzerne Allianz und Munich Re haben hier ihren Hauptsitz. In der Industrie sind BMW, Linde und Siemens die führenden Vertreter, die Nachfrage nach Facharbeitern ist enorm.

Neben dem Eigenbedarf treiben Anleger aus Deutschland und dem Ausland die Preise in die Höhe. Die Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank macht es möglich.

8250 Euro pro Quadratmeter kostet eine Neubauwohnung. Doch das ist lediglich ein Durchschnittswert. In zentralen Stadtteilen sind Neubauten nicht unter 10.000 Euro/m² erhältlich. Für Eigentumswohnungen haben sich die Preise binnen zehn Jahren verdoppelt. Zweieinhalb Mal so viel ist für Einfamilienhäuser zu zahlen, allerdings im Vergleich zu 1995. Und die Mietpreise haben um 80 Prozent zugelegt. In jenem Zeitraum stieg das verfügbare Einkommen der Münchner aber nur um 46 Prozent, errechnete das IVD-Institut.

Auch in Obergiesing verändern sich Ortsbild und Bevölkerung: "Giesing war ein Scherbenviertel", erinnert sich Angelika Luible, die sich beim Bündnis "Heimat Giesing" engagiert; monatlich hält es vor der Ruine des Uhrmacherhauses Mahnwachen ab. "Neben Einheimischen wohnten ab den 1970ern griechische und türkische Arbeiter hier." Den Billigfrisör, den vor allem Migranten frequentieren, gibt es auf der Tegernseer Landstraße heute genauso wie den Biobäcker für die zahlungskräftige Klientel. Um die Ecke des ehemaligen Uhrmacherhauses hat sich ein veganes Bistro einquartiert. Dort sitzen alternativ-teuer gekleidete Mütter um die 30 bei Biolimonade.

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Dokument erstellt am 2018-10-11 18:18:41


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