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Update: 23.10.2018, 13:22 Uhr

Islam

"Das muss von den Muslimen kommen"




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Von Judith Belfkih

  • Islamforscherin Christine Schirrmacher über das Feindbild Islam und den Preis westlicher Freiheit.

Christine Schirrmacher lehrt als Professorin für Islamwissenschaft an den Unis in Bonn und Leuven/Belgien. Dazu ist sie Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Beiräte unter anderem in Fragen der Sicherheitspolitik. - © Privat

Christine Schirrmacher lehrt als Professorin für Islamwissenschaft an den Unis in Bonn und Leuven/Belgien. Dazu ist sie Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Beiräte unter anderem in Fragen der Sicherheitspolitik. © Privat



Die Kabaa in Mekka ist das zentrale Heiligtum des Islam.

Die Kabaa in Mekka ist das zentrale Heiligtum des Islam.© APAweb, afp, Bandar Die Kabaa in Mekka ist das zentrale Heiligtum des Islam.© APAweb, afp, Bandar

Lech. Die Islamwissenschaft erlebt eine mediale Blüte. Kaum eine gesellschaftliche Debatte, bei der die bis vor einigen Jahren kaum beachtete Forschungsrichtung nicht um Orientierung oder Einschätzung gebeten wird. Inwieweit ihre Disziplin dazu beitragen kann, die brennenden Fragen von Kopftuch über Islamkritik bis zum Abbauen von Feindbildern zu lösen oder zumindest zu entwirren, darüber sprach die "Wiener Zeitung" mit der deutschen Islamforscherin Christine Schirrmacher am Rande des Philosophicum Lech.

"Wiener Zeitung": Sie erforschen den Islam seit 30 Jahren. Wie hat sich die Wahrnehmung Ihrer Disziplin in dieser Zeit verändert?

Christine Schirrmacher: Sehr stark. Vor dem 11. September war die Islamwissenschaft ein Orchideenfach ohne wesentliche politische Relevanz. Danach wuchs die Erwartungshaltung an die Islamforschung, Erklärungen zu liefern.

Kann sie das?

Sie kann Hintergründe liefern, indem sie Texte dechiffriert. Sofern sich moderne politische Bewegungen in Texten niederschlagen, Manifeste hinterlassen, ideologische Abhandlungen - da können wir helfen, sie einzuordnen.

Die aktuelle Polarität des Westens und des Islam - wie kam es dazu?

Da gab es einige Schlüsselerlebnisse. Für die Westliche Welt natürlich 9/11, das zu einer Furcht vor dem Islam und zu Misstrauen Muslimen gegenüber geführt hat. Die danach entstandenen terroristischen Gruppen haben dem Ansehen des Islam nachhaltig geschadet, Ängste vor Islamisierung, vor Unterwanderung geschürt. Auf der anderen Seite haben westliche Invasionen und Kriege - besonders die Kriege im Irak und Afghanistan - im Nahen Osten zu erheblichen Verwerfungen geführt. Auch der Anspruch, nach dem Arabischen Frühling Demokratie und Menschenrechte in die Region zu exportieren, ist auf viel Ablehnung gestoßen. Hier ist angesichts von Kriegsverbrechen der Vorwurf der Doppelmoral aufgekommen. Dass der Westen keinen Anspruch hat auf das Label Demokratieexport.

Trägt also auch der westliche Kulturpaternalismus einen Teil der Verantwortung?

Wir neigen dazu, zu glauben, dass unser liberales Projekt wirtschaftlich, aber auch weltanschaulich in alle Welt exportiert werden muss. Das sieht man nicht in allen Teilen der Welt so.

Warum eignet sich der Islam so als Feindbild für Europa?

Da ist die Sache mit der Aufklärung. Man weiß, dass in muslimischen Gesellschaften keine vergleichbare Umwälzung stattgefunden hat. Also Säkularisierung, Trennung von Glaube und Wissenschaft. Man hält das ja für einen Fortschritt. Daraus folgern wir, dass Länder, die diesen Schritt nicht gemacht haben, rückständig sind. Dazu kommen das wirtschaftliche Gefälle, nicht frei gewählte Autokratien, fehlende Frauenrechte. All das sind Dinge, die der Westen glaubt, überwunden zu haben. Hier ist der Islam eine Art Spiegel des vormodernen Europa.




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Schlagwörter

Islam, Kopftuch, Burkini, Aufklärung

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-10-22 16:00:55
Letzte Änderung am 2018-10-23 13:22:58


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