• vom 11.06.2012, 19:26 Uhr

Top News

Update: 11.06.2012, 19:27 Uhr

Carl Orff

In kleinen Schritten zum Erfolg




  • Artikel
  • Lesenswert (2)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Edwin Baumgartner

  • Carl Orffs "Carmina Burana" sind 75 Jahre alt
  • Die "Carmina Burana" sind ein Welterfolg der klassischen Musik.
  • Bei der Uraufführung 1937 war das Werk umstritten

Carl Orffs "Carmina Burana" werden an der Wiener Volksoper als Ballett aufgeführt. Wie die szenische Präsentation aussehen soll, hat der Komponist offen gelassen .

Carl Orffs "Carmina Burana" werden an der Wiener Volksoper als Ballett aufgeführt. Wie die szenische Präsentation aussehen soll, hat der Komponist offen gelassen .© APA/HERBERT NEUBAUER Carl Orffs "Carmina Burana" werden an der Wiener Volksoper als Ballett aufgeführt. Wie die szenische Präsentation aussehen soll, hat der Komponist offen gelassen .© APA/HERBERT NEUBAUER

Absteigende Basslinie, von Schlagzeugen und Klavieren gestützt, darüber Akkordsäulen, strahlend und zugleich schicksalsschwanger dräuend: "O Fortuna". Es ist der, neben dem von Ludwig van Beethovens Fünfter Symphonie, bekannteste Anfang eines Werks der klassischen Musik, längst gelöst vom Kontext eingesetzt in Filmen, in Werbespots, verjazzt, verpoppt und verrockt. Vor 75 Jahren begann der Siegeszug der "Carmina Burana" von Carl Orff, des letzten Breitenerfolgs der klassischen Musik. Doch es ist ein Breitenerfolg, der sich erst allmählich einstellt. Zu Beginn sieht es nämlich nicht danach aus - ganz im Gegenteil.


1937 ist Orff immerhin 42 Jahre alt und nahezu unbekannt. Der am 10. Juli 1895 in München geborene Komponist hat einen klingenden Namen allenfalls im Bereich der Schulmusik: Die Stücke seines "Schulwerks" für Kinder und Jugendliche gehen einen neuen Weg: Die elementare Rhythmik trägt die an Volksliedern geschulten Melodien, an die Stelle der variierenden Verarbeitung von Themen tritt Repetition, an die großformaler Abläufe die Strophenform. Die Instrumentarien sind geprägt von handgespielten Instrumenten: Musik wird zu Bewegung, Bewegung zu Musik.

Orff, in dieser Zeit permanent in finanziellen Nöten, hofft, dass die Nationalsozialisten das "Schulwerk" für die Hitlerjugend und den Bund Deutscher Mädel ankaufen, doch beide zögern. Einerseits geht diese Vereinfachung schon in die richtige Richtung, man kann sich vorstellen, zum "Schulwerk" die Keulen zu schwingen; andererseits: Sind diese Rhythmen wirklich "deutsch" oder nicht doch eher russisch, nämlich abgeleitet von den rhythmischen Experimenten Igor Strawinskis? Und war Orff nicht jüdischen Musikern und der SPD näher gestanden, als tolerierbar war?

Man ringt sich durch - Orff bekommt den Auftrag, für die Eröffnung der Olympischen Spiele 1936 in Berlin ein Werk zu schreiben. Doch der Komponist, der sich mit dem Nationalsozialismus nolens volens arrangiert, ihn aber verachtet, ist kratzbürstiger als angenommen: Er will den Auftrag vom Olympischen Komitee bekommen, nicht von der NSDAP. Man fädelt es ein. So wird der "Olympische Reigen" am 1. August 1936 uraufgeführt. Was niemand ahnt: Es ist kein Original-Werk. Orff hat seine Mitarbeiterin Gunild Keetmann Stücke aus dem "Schulwerk" adaptieren lassen. Er hat Wichtigeres zu tun, als für die Nationalsozialisten zu komponieren. Denn er arbeitet längst an "Carmina Burana".

Immerhin hat er jetzt einen Namen, die Uraufführung der "Carmina Burana" kann an prominenter Stätte über die Bühne gehen. Den Text entnimmt Orff der mittelalterlichen Sammlung "Carmina Burana", Gedichten in lateinischer, mittelhochdeutscher und altfranzösischer Sprache, oft in Sprachmischungen, teils erotisch-freche Vaganten-, teils von höfischen Idealen beeinflusste Humanistendichtung. Der Handlungsfaden, Frühlingserwachen und Liebeswerben bis hin zur Hochzeit, wird dem Zuschauer mehr suggeriert als er vor ihm ausgerollt wird. Bei der Uraufführung am 8. Juni 1937 in der Frankfurter Oper geht Hermann Reutters bauernpralles Breughel-Ballett "Die Kirmes von Delft" den "Carmina Burana" voran.

Der Erfolg für Orff ist eklatant, und Orff selbst erkennt das Gewicht seines Werks: Enthusiasmiert von der Aufführung schreibt er an seinen Verleger: "Alles, was ich bisher geschrieben und was Sie leider gedruckt haben, können Sie nun einstampfen! Mit den Carmina Burana beginnen meine gesammelten Werke!"

Orff taktiert
Kann es sein, dass bei diesem plötzlichen Zurückziehen der vorangegangenen Werke auch Taktik dabei war - und zwar keineswegs rein künstlerische Taktik?

Orff hatte als Jugendlicher im Fahrwasser von Claude Debussy und Richard Strauss zu komponieren begonnen. Das Studium Alter Musik führt ihn dann zu einem immer lapidarer werdenden Stil, der in einigen Kantaten für zumeist von Klavieren und Schlagzeugen begleiteten Chor voll ausgeprägt ist. "Carmina Burana" übertreffen diese Kantaten an Bedeutung, sind jedoch kein stilistisches Neuland, wie Orffs rigorose Entscheidung vermuten lässt, kein Werk vor "Carmina Burana" als gültig anzuerkennen.

Möglicherweise gehört diese Entscheidung zu Orffs Arrangement mit den Nationalsozialisten. Denn die Texte der Kantaten vor "Carmina Burana" stammen von den verfolgten Dichtern Bertolt Brecht und Franz Werfel - wobei sich auch zeigt, wo Orff geistig im Grunde verwurzelt ist, ehe er sich beugen muss.

Wobei ja auch die "Carmina Burana" umstritten sind. Nach der Uraufführung schäumt die nationalsozialistische Presse: Die lateinischen Texte wurden moniert, deren unverhohlene Erotik ebenfalls. Wiederholungen in Dresden, München und Berlin wurden abgesagt, die Reichsmusikkammer teilte Orff mit, diese "bayerische Niggermusik" sei unerwünscht.

Da das Werk aber nicht expressis verbis verboten wird, kommt es zu Aufführungen in Bielefeld und Frankfurt. Als Orffs Schüler und Freund Werner Egk 1941 in die Reichsmusikkammer berufen wird, kann Orff aufatmen - von befreitem Durchatmen kann aber keine Rede sein.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




Schlagwörter

Carl Orff, Carmina Burana

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2012-06-11 15:53:07
Letzte Änderung am 2012-06-11 19:27:40


Werbung




Werbung