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Update: 08.05.2017, 10:58 Uhr

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Von WZ-Korrespondentin Christine Zeiner

  • Die Berliner "ReDi-School" macht Programmierer aus Syrien und dem Irak fit für den deutschen Arbeitsmarkt.

Sana Abo Helal und ihr Mann Omar Alsabbagh haben in Aleppo Computeringenieurwesen studiert. Er hat bereits einen Job in Deutschland gefunden und ist jetzt stolzer Steuerzahler. - © Zeiner

Sana Abo Helal und ihr Mann Omar Alsabbagh haben in Aleppo Computeringenieurwesen studiert. Er hat bereits einen Job in Deutschland gefunden und ist jetzt stolzer Steuerzahler. © Zeiner

Mohammed Abdulkareen aus dem Irak war einer der ersten Studenten der ReDi-School.

Mohammed Abdulkareen aus dem Irak war einer der ersten Studenten der ReDi-School. Mohammed Abdulkareen aus dem Irak war einer der ersten Studenten der ReDi-School.

Berlin. Angela Merkel wirkt noch etwas unlocker. Die deutsche Kanzlerin ist heute zu Gast in einer IT-Schule, untergebracht in einem ehemaligen Postamt aus den 1930er Jahren und hergerichtet wie man sich die Start-ups Berlins vorstellt: Viel Weiß, Glas, kein Schnick-Schnack. Es gibt Paletten mit Sitzpölstern darauf und knallrote Hocker aus Karton.

Die "ReDi-School of Digital Integration" wurde vor etwas mehr als einem Jahr gegründet. IT-affine Geflüchtete bekommen hier kostenlose Aus- und Fortbildungen, Kontakte zu Konzernen und Start-ups und in Folge Praktika und Jobs. Der Schulbesuch gibt Struktur und Ziel. Die Studentinnen und Studenten kommen aus ihrem oft eingeschränkten Umfeld hinaus - das meist in erster Linie aus Flüchtlingsunterkunft, Gesprächen mit anderen Flüchtlingen und Behördengängen besteht.


Einer der etwas mehr als 40 Studenten ist Mohammed Abdulkareen. Ohne ihn und Anne Kjaer Riechert gäbe es die Schule nicht. Riechert lernte den Softwareingenieur aus Bagdad in dessen Flüchtlingsheim kennen; Abdulkareen hatte keinen Computer und sorgte sich, den Anschluss in seiner Branche zu verpassen. Riechert organisierte daraufhin nicht nur einen Laptop - sondern gründete gemeinsam mit einigen anderen die"ReDi-School". Unterstützt wird die gemeinnützige Einrichtung vom weltgrößten Netzwerk-Ausrüster Cisco, der Internetplattform Facebook und dem börsenotierten Stahl- und Metallhändler Klöckner und dessen IT-Tochter Kloeckner.i.

"Wir fanden es toll, dass junge Menschen ihre persönlichen Interessen hintanstellen, um andere junge Menschen zu unterstützen, die aus Krisenregionen geflüchtet sind", sagt Kloeckner-Vorstandsvorsitzender Gisbert Rühl. Sein Unternehmen sehe eine soziale Verantwortung, deshalb engagiere man sich. Rühl nennt aber auch einen wirtschaftlichen Grund: Fachkräftemangel. Deutschlandweit fehlen der IT-Branche rund 51.000 Arbeitskräfte. "Ohne Zuwanderung können wir die Stellen derzeit gar nicht besetzen."

Merkel steht zwischen Gründern, Sponsoren und Geflüchteten und stellt ein wenig hölzern ein paar Fragen. Dass nun der ehemalige Student Rami Rihawi Merkel begeistert Grüße von seinen Eltern aus Aleppo ausrichtet, macht die Sache nicht einfacher. Die Kanzlerin ist nicht gerade bekannt dafür, gern Gefühle zu zeigen. In emotionalen Momenten reagiert Merkel oft steif. "Dann grüßen Sie zurück", sagt sie also und nickt. Als wenige Minuten später auch Softwareingenieur Abdulkareen die Gelegenheit ergreift und von der Mutter aus Bagdad grüßen lässt, lachen alle. Eigentlich wollte er ja noch etwas sagen, aber dazu kommt es nicht mehr.

App für den Behördendschungel
In einem der Unterrichtsräume wird der Kanzlerin nun im Schnelldurchlauf gezeigt, wie man codiert. Anschließend nimmt sie auf dem Podium Platz. Der syrische Programmierer Munzer Al Khattab berichtet von seiner App "Bureaucrazy", die er an der "ReDI-School" entwickelt und die dabei helfen soll, besser mit der deutschen Bürokratie zurechtzukommen. "Ist die App kostenlos?", fragt Merkel. "Ja!", - "Na, die werden wir uns dann mal angucken."

Dann will die Kanzlerin noch wissen, was das Schwerste in Deutschland gewesen sei. "An Informationen zu kommen", antwortet Al Kthattab, "Das ist richtig schwierig", sagt er und nach einer kleinen Pause: "Tut mir leid." "Das braucht Ihnen nicht leid zu tun", entgegnet Merkel und ist nun sichtlich an den Behördenwegen der Geflüchteten interessiert: "Also, Sie kommen in Deutschland an, und dann Bundesamt, Lageso, Jobcenter, Bürgeramt - Prozeduren für Flüchtlinge. Kriegt man da über die App jetzt alle Informationen?" "Die wichtigsten, ja. Aber wir haben das Problem, dass uns als Start-up noch niemand finanziert." "Ja, wie komm ich als Start-up an Kapital. Das ist auch eine Schwierigkeit", murmelt Merkel.

Von der syrischen Studentin Louna Al Bondakji lässt sie sich anschließend die unterschiedlichen Deutschzertifikate erklären und die Sprachvoraussetzungen für ein Studium an einer regulären Universität. "Also, was ich heute schon mal gelernt habe: Jenseits von C1-Sprachniveau braucht es etwas Neues für den Hochschulzugang. Das scheint nicht immer ganz einfach zu sein", sagt Merkel. Von Al Bondakji - eine der wenigen Studentinnen der "ReDi-School" - ist sie sichtlich angetan. Ob Frauen und Männer unterschiedlich an die IT-Sachen herangingen, will sie wissen. "Die Jungs fragen öfter nach", antwortet Al Bondakji. "Ich hab ja Physik studiert, da waren auch viele Jungs und wenig Mädchen", sagt Merkel. "Man muss selbstbewusst sein und einfach sein Ding machen."

"Ich zahle Steuern"
Im Nebenraum wurde einstweilen ein Buffet aufgebaut mit syrischem Essen. Das Catering "Jasmin" hat Falafel, Hummus und Fattoush geliefert - ein Start-up, das an der "Redi-School" gegründet wurde. Merkel verabschiedet sich; die Studenten, Gründer und Sponsoren essen und plaudern, unter ihnen Omar Alsabbagh und seine Frau Sana Abo Helal, die an der Universität Aleppo Computer-Ingenieurwesen studierten. Über ihre Studienwahl seien sie sehr froh - denn damit lasse sich überall einen Job finden.

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Schlagwörter

Deutschland, Flüchtlinge, Irak, Syrien, IT

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2017-05-07 20:06:08
Letzte Änderung am 2017-05-08 10:58:25



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