Die Blasmusikkapelle "Schupfermusi" ist extra nach Wien gekommen, um mit dem Bundespräsidentschaftskandidaten Alexander Van der Bellen zum Wahlkampfauftakt einzuziehen. Moderator Gerald Fleischhacker forderte die Kaunertaler deshalb auch gleich auf, eine Zugabe zu spielen. Das Publikum klatschte unrhythmisch mit.

Schon vor dem Auftritt der "Schupfermusi" war die Inszenierung klar, spätestens beim Anblick der mit Bergpanorama gestalteten Bühne: Alexander Van der Bellen, der heimatliebende Präsident aus dem Kaunertal; die stabilisierende Kraft in einer krisengebeutelten Zeit. "Es gibt viel zu tun", begann er seine Rede. Die Krisen kämen nicht mehr nacheinander, sondern nebeneinander. Klimakatastrophe, Corona-Pandemie und Ukraine-Krieg würden alle gleichzeitig gelöst gehören. Da brauche es eine ruhige Hand und einen besonnenen Geist, so Van der Bellen sinngemäß. Sein Alter und seine Erfahrung sei sein Vorteil: "Ich will die zweite Amtsperiode besser führen als die erste, einfach weil man mehr Erfahrung hat."

Neben all den globalen Krisen thematisierte er aber auch die Vertrauenskrise der österreichischen Politik. Van der Bellen, der 2016 als erster grüner Bundespräsident ein jahrzehntealtes System sprengte, weil er weder zur SPÖ noch ÖVP gehörte, tritt nach sechs Jahren im Amt nun als Teil des Systems an. Auch wenn er das gar nicht will.

Van der Bellens Wahlkampf-Team versucht es deshalb auch zu vermeiden, dass ihr Kandidat mit dem politischen Establishment — oder gar der österreichischen Regierung — in Verbindung gebracht wird. Es ist ein Drahtseilakt: Einerseits will Van der Bellen verbinden, andererseits nicht für den Unmut der Bevölkerung mit der Tagespolitik verantwortlich gemacht werden.

Hochkarätige Gäste aus der Tagespolitik haben es sich zwar nicht nehmen lassen beim Wahlkampfauftakt mit dabei zu sein, die Unterstützungsreden hielten aber nicht der anwesende Wiener Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) oder Vizekanzler Werner Kogler (Grüne), sondern der 22-jährige Tischlergeselle Erik, der auf einem Plakat zu sehen ist. Dazu sprachen noch der EU-Abgeordnete Othmar Karas (ÖVP) und die frühere SPÖ-Justizministerin Maria Berger. Sie alle versuchten Van der Bellens ruhige und besonnene Art und seinen von Pflichtgefühl getriebenen Charakter hervorzuheben. Berger betonte, dass sich Van der Bellen zum Schutz von Institutionen und Rechtsstaatlichkeit schon mehrmals gegen die Bundesregierung gestellt habe, wenn dies notwendig war.

Dieser Ansatz ergibt Sinn, wenn man sich ansieht, wer gegen Van der Bellen antritt: Nach dem geradezu katastrophalen Abschneiden von SPÖ und ÖVP 2016 verzichteten beide Parteien auf eigene Kandidaten. Stattdessen stehen sechs systemkritische Präsidentschaftskandidaten auf dem Wahlzettel.

Warnung vor EU-Austritt

Selbst die FPÖ, die 2016 mit einem streichelweichen Norbert Hofer fast gewonnen hätte, positioniert ihren Kandidaten Walter Rosenkranz mit Slogans wie "Kompromisslos für Österreich" und "Holen wir uns unser Österreich zurück" gegen das vermeintliche politische Establishment. Wenn es nach ihnen geht, ist ein Bundespräsident ein Werkzeug des Widerstands. Gleich mehrere Kandidaten haben angekündigt, die Regierung entlassen zu wollen, wenn sie die Möglichkeit dazu bekommen.

Van der Bellens Alleinstellungsmerkmal ist deshalb nicht nur seine Rolle als Amtsinhaber, sondern auch sein Amtsverständnis. Erfahrung, Verlässlichkeit und Besonnenheit seien die Stärken des Amtes, nicht die Macht, die mit ihm kommt. "Ein Politiker muss führen und nicht verführen", ist einer der zentralen Sätze seiner Rede. Ohne Namen zu nennen, warnte er vor Mitbewerbern, die mit der Idee eines EU-Austritts Österreichs auf Stimmenjagd gehen. Mit Österreichs Identität und der europäischen Idee spiele man nicht, sagte Van der Bellen, der sich wieder einmal schützend vor die Europäische Union stellte.

Keine "g’mahte Wies’n"

Van der Bellen hofft dieses Mal auch auf einen Effekt, der ihm 2016 fast zum Verhängnis geworden wäre: Damals trat die ehemalige Präsidentin des Obersten Gerichtshofes Irmgard Griss mit einer ähnlichen Kampagne an und hat ihm dabei so viele Stimmen abgegraben, dass er fast den Einzug in die Stichwahl gegen Norbert Hofer verpasst hätte. Mit vier Kandidaten rechts und zwei Kandidaten links der Mitte, die sich gegenseitig Stimmen wegnehmen, könnte er sich so die Stichwahl ersparen.

Van der Bellens größter Gegner bei dieser Bundespräsidentschaftswahl ist deshalb die Wahlbeteiligung. Der Amtsinhaber, sein Team und alle Redner beim Wahlkampfauftakt wurden nicht müde, das zu betonen. Zum gemeinsamen Foto gesellten sich dann auch Ludwig und Kogler.

Die Wahl sei keine "g’mahte Wies’n", sagte Van der Bellen. "Diese eine Stunde am 9. Oktober, sorry, die muss drinnen sein." Als mahnendes Beispiel nannte er die Ibiza-Krise im Mai 2019: "Wenn Ihr mir Eure Stimme nicht gegeben hättet, weiß der Himmel, wie Ibiza ausgegangen wäre."