• vom 26.05.2016, 18:46 Uhr

Bundespräsidenten-Wahl

Update: 26.05.2016, 19:05 Uhr

Gastkommentar

Durchmarsch vertagt




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Von Franz Schandl


    Franz Schandl ist Historiker und Publizist in Wien sowie Redakteur der "Streifzüge" (www.streifzuege.org).

    Franz Schandl ist Historiker und Publizist in Wien sowie Redakteur der "Streifzüge" (www.streifzuege.org).© privat Franz Schandl ist Historiker und Publizist in Wien sowie Redakteur der "Streifzüge" (www.streifzuege.org).© privat

    "Jeden, der mich nicht leiden kann, aber Norbert Hofer vielleicht noch weniger, bitte ich, zur Wahl zu gehen und am 22. Mai ein Auge zuzudrücken." Diesem Aufruf Alexander Van der Bellens sind wohl viele gefolgt. Mehr als die Hälfte seiner Wähler wollte nur eins: Norbert Hofer, den Kandidaten der FPÖ verhindern. Das ist gelungen, äußerst knapp, aber doch. Wenn man bedenkt, dass da ein absolut außergewöhnlicher Kraftakt des gesamten antifreiheitlichen Österreichs notwendig gewesen ist, um Hofer schlagen zu können, dann zeigt dies an, wie schwach vor allem die etablierten Kräfte sind. Die traditionellen politischen Formationen der Zweiten Republik sind von Schwindsucht befallen.

    Für die nächsten sechs Jahre wird jedenfalls der einstige Parteichef der Grünen an der Spitze der Republik stehen. Ein wirklich schräges Zweckbündnis von neoliberal bis linksradikal, von Niki Lauda über gewesene ÖVP-Obmänner, die katholische Frauenbewegung, die Wiener SPÖ bis hin zur KPÖ hat das ermöglicht. Die gesamte heimische Prominenz nicht zu vergessen. Die urbanen Wähler entschieden sich überwiegend für Van der Bellen, ebenso 60 Prozent der Frauen, 60 Prozent der Männer hingegen votierten für Hofer und bei den Arbeitern gibt es überhaupt eine satte Dreiviertel-Mehrheit für den freiheitlichen Kandidaten. Trotzdem sollte man sich dieses Wahlverhalten keineswegs wie vielfach kolportiert auf der Ebene "Empörte gegen Zufriedene" vorstellen. Das greift zu kurz, auch wenn die Masse der eventuellen wie reellen Modernisierungsverlierer auf die FPÖ setzt.


    Der Durchmarsch von Hofer und seinem Parteichef Heinz-Christian Strache ist nur vertagt. Dieser wurde taktisch vereitelt, nicht substanziell gebrochen. Ausschlaggebend dafür könnte der Kern-Hype gewesen sein. Seit der smarte Manager Christian Kern die SPÖ führt und Kanzler ist, hat sich die Stimmung binnen weniger Tage gedreht. Zumindest aktuell. Und erinnern wir auch noch einmal an Werner Faymann, der mit seinem Rücktritt am 9. Mai den Weg für diesen Umschwung erst frei machte, indem er sich aus der Schusslinie genommen hat. Da erwischte man die FPÖ am falschen Fuß.

    Van der Bellen und die Seinen haben bei diesem Sieg also auch einiges dem Glück und dem Zufall zu verdanken. Die Aufholjagd war nicht so eindrucksvoll, wie die Zahlen nahelegen. Hofer hatte ja schon im ersten Wahlgang den Großteil seines Potenzials ausgeschöpft, während der ehemalige grüne Bundessprecher noch recht frei auf die Kontingente der anderen Kandidaten zugreifen konnte und auch überall Unterstützung erhielt. Man soll sich dieses mühsamen Erfolgs nicht zu sehr freuen. Durchatmen kann man, aufatmen nicht.

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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2016-05-26 18:50:07
    Letzte Änderung am 2016-05-26 19:05:04


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