Hohenheim. Die Europawahlprogramme der österreichischen Parteien sind für Laien nur wenig verständlich. Dies zeigt eine Studie der deutschen Universität Höhenheim und der clavis Kommunikationsberatung. In den Programmen fänden sich Schachtelsätze mit bis zu 63 Wörtern, englische Fachbegriffe wie "Anti-Tax-Avoidance-Directive" (NEOS) und Sprachmischmasch wie "Better Regulation-Strategie" (ÖVP).

Das SPÖ-Programm, das mit 23.000 Wörtern auch das umfangreichste ist, sei noch am verständlichsten, während jenes der NEOS fast so schwer verständlich sei wie eine wissenschaftliche Doktorarbeit. Mit Hilfe einer Analysesoftware hatten die Experten nach überlangen Sätzen, Fachbegriffen und Fremdwörtern gesucht. Anhand dieser und weiterer Merkmale bilden sie den "Hohenheimer Verständlichkeitsindex" (HIX), der von 0 (schwer verständlich) bis 20 (leicht verständlich) reicht. Im Durchschnitt erreichten die österreichischen Wahlprogramme einen Wert von 8,4 Punkten, was immerhin um 0,3 Punkte mehr ist als der Durchschnittswert der deutschen Europawahlprogramme.


Link-Tipps

TextLab, die Klartext-Software

TextLab heißt die Software hinter dem "Hohenheimer Verständlichkeitsindex". Sie analysiert Texte auf der Grundlage gängiger Lesbarkeitsformeln, die unter anderem Wort- und Satzlängen, den Fremdwortgebrauch, den Sprachstil und den Differenzierungsgrad des Vokabulars berücksichtigt.

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FPÖ hat kein Programm

Spitzenreiter war die SPÖ (11,2 Punkte) vor der ÖVP (8,8), den Grünen (7,5) und den NEOS (5,9). Die FPÖ wurde mangels Europawahlprogramm nicht berücksichtigt. Bei der Nationalratswahl 2017 hatten die NEOS (11,9 Punkte) das verständlichste Wahlprogramm, vor SPÖ (11,5), ÖVP (10,1) und FPÖ (9,8). Dass man durchaus verständlich kommunizieren kann, zeigen laut clavis-Geschäftsführer Dieter Bitschnau die Einleitungstexte der Programme. Hier erreichen die Grünen mit 16,7 Punkten einen Spitzenwert, vor SPÖ (14,2) und ÖVP (12,9 Punkte).

Analysiert wurden auch die Themenbereiche und die Tonalität der Programme. Arbeit und Soziales ist mit einem durchschnittlichen Anteil von 15,7 Prozent der größte Themenbereich. Es folgen die Bereiche Umwelt / Energie / Verkehr sowie die Außen- und Sicherheitspolitik. Insgesamt erreichen die Parteien bei den verschiedenen Themen selten eine Verständlichkeit von mehr als zehn Punkten. Die unverständlichsten Themen bei allen Parteien sind Wirtschaft und Forschung sowie Regional- und Strukturpolitik.

Negative Tonalität bei der SPÖ

Die meisten positiven Wörter verwendeten NEOS und die ÖVP, eine negative Tonalität fand sich bei der SPÖ. "Das Ergebnis der SPÖ ist etwas überraschend", analysierte Frank Brettschneider von der Universität Hohenheim, der mit seinem Team regelmäßig Wahlprogramme untersucht. "Unsere Trends zeigen, dass eher die Parteien an den politischen Rändern eine tendenziell negative Tonalität haben."

Auch Deutschlands Parteien argumentieren unverständlich

Auch die Programme deutsche Parteien untersuchte ein Forscherteam der Universität Hohenheim. Auf ihrer "Verständlichkeitsskala" erreichten die Wahlprogramme 8,1 von 20 Punkten.

"Mit ihren teilweise schwer verdaulichen Wahlprogrammen schließen (die Parteien, Anm.) einen erheblichen Teil der Wähler aus und verpassen damit eine kommunikative Chance", sagte Kommunikationswissenschaftler Professor Frank Brettschneider. Dabei hätten sich alle Parteien in den vergangenen Jahren Transparenz und Bürgernähe auf die Fahne geschrieben.

Am klarsten drücken sich laut der Studie der Hohenheimer Forscher die Union und die Linken aus. Sie erreichten 10,3 und 9,5 Punkte. Dahinter folgten die SPD mit 8,2 Punkten und die Grünen mit 7,7 Punkten. Am schlechtesten schnitt von den vergleichsweise großen Parteien die AfD mit 6,6 Punkten ab.

Hinderlich für die Verständlichkeit der Programme seien unter anderem überlange Sätze, Fachbegriffe, Fremdwörter und zusammengesetzte Wörter. Den längsten Satz formulierte die SPD mit 80 Wörtern.

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