Morgenluft wittern jedenfalls die Oppositionsparteien SPÖ, NEOS und JETZT - und auch die seit 2017 nicht mehr im Nationalrat vertretenen Grünen rechnen sich nach dem Regierung-Chaos erhöhte Chancen bei der EU-Wahl aus. Die SPÖ reagierte im Wahlkampffinish auch werbetechnisch und versah Plakate mit Spitzenkandidat Andreas Schieder mit dem Zusatz: "Am Sonntag: Schluss mit gekaufter Politik!"

Themen rückten in den Hintergrund

Die Themen rückten angesichts des Ibiza-Skandals zehn Tage vor der EU-Wahl völlig in den Hintergrund. Dabei gab es einige inhaltliche Reibungspunkte. Die Oppositionsparteien SPÖ, NEOS und JETZT warten vor einem Rechtsruck, auch die Grünen setzten auf dieses Thema. Die FPÖ trat gegen den EU-"Zentralstaat" an und die ÖVP übte sich im Spagat zwischen Kanzler Sebastian Kurz und Spitzenkandidat Othmar Karas.

Die ÖVP versuchte es in diesem Europa-Wahlkampf zweigleisig. Denn ÖVP-Chef Kurz stand von Anfang an vor einem Dilemma namens Karas: Der lang gediente EU-Parlamentarier passte eigentlich so gar nicht zum türkis-blauen Regierungskurs, kritisierte er doch die Rechtsaußen-Positionen des ÖVP-Koalitionspartners FPÖ oft scharf und stand so mancher Regierungsmaßnahme (etwa der Indexierung der Familienbeihilfe) mehr als kritisch gegenüber. Schließlich setzten die Türkisen den Schwarzen Karas doch auf den ersten Listenplatz, womit auch das Risiko eines eigenen Antretens des "Mister Europa" vermieden wurde. Darüber hinaus erhoffte sich das Team rund um Kurz von Karas, die liberaleren christlichsozialen Wählerschichten anzusprechen - und Karas betonte dann auch stets seine Distanz zu den Blauen ("Ich bin in Europa in keiner Koalition mit der FPÖ").

Die Fans des straffen Regierungskurses sollte ÖVP-Innenstaatssekretärin Karoline Edtstadler bedienen, die auf Listenplatz zwei kandidierte. Garniert wurde diese Strategie mit der Idee, einen ÖVP-internen Vorzugsstimmenwahlkampf abzuhalten: Welche ÖVP-Kandidaten letztendlich ins EU-Parlament einziehen, orientiert sich an der Zahl der Vorzugsstimmen der türkisen Kandidaten. Der Partei gelang der Spagat zwischen den beiden Polen Karas und Edstadler recht gut - und Karas hielt sich mit Aussagen zu Migration und rechtem Rand der FPÖ tunlichst zurück. Die Umfragen versprachen der ÖVP den vierten Sieg in der sechsten EU-Wahl Österreichs. Geht es nach der ÖVP, soll das auch nach dem Ibiza-Skandal so bleiben - denn dieser sei Sache der FPÖ: "Das Video ist ein Sittenbild, ein Psychogramm des zweiten Gesichts der FPÖ", sah sich Karas in seiner kritischen Haltung gegenüber der FPÖ gestärkt.

Die Blauen wiederum waren mit ihrem EU-Fraktionsführer Harald Vilimsky in den Wahlkampf gegangen, um gemeinsam mit dem damals noch strahlenden Vizekanzler Strache den EU-"Zentralismus" zu überwinden. Während Vilimsky mit dem etwas rabiateren Wahl-Slogan "FPÖ voten gegen Asylchaoten" ins Rennen ging, wurde Strache staatstragender plakatiert: "Wählen wirkt - Schützen, was wir lieben: Österreich", hieß es dort. Dringendstes Anliegen der Partei während des Wahlkampfes war es, die eigene Wählerschaft zur Urne zu bringen, die bei EU-Wahlgängen traditionell eher daheimbleibt. "Hingehen, hingehen, hingehen", trommelte Vilimsky daher auch in Richtung der blauen Anhänger. Als Ziel hatte er den zweiten Platz vor der SPÖ in Österreich ausgegeben und die Schaffung einer großen EU-kritischen Allianz auf Europaebene nach der Wahl.