Brüssel. Rund 420 Millionen Bürger in 28 Staaten waren aufgerufen, ein neues EU-Parlament zu wählen. Im Vorfeld wurden die Wahlen im Schatten von Donald Trump, China, dem Brexit und verunsicherten Mitte-Parteien zur "Schicksalswahl" stilisiert. Zwar blieben Sensationen weitgehend aus, dennoch lassen sich aus der Summe der nationalen Ergebnisse drei Botschaften der Wähler an die europäische und nationale Politik herauslesen.

Erstens: Die Bürger haben das EU-Parlament mit einem Energieschub versorgt. Seit der ersten EU-Wahl 1979 befand sich die Beteiligung konstant im Sinkflug, bis zum Tiefpunkt von 42 Prozent bei der Wahl 2014. Dieser Trend wurde nun deutlich in Richtung 50-Prozent-Plus gedreht. Das ist ein starkes demokratiepolitisches Signal mit Folgen für die künftige Rolle des EU-Parlaments.

Fotostrecke 7 Bilder

Zweitens: Die Bürger haben den Klimawandel auf die europäische Agenda gesetzt. Profitiert haben davon vor allem die Grünen, überwältigend etwa in Deutschland, wo die Ökopartei Platz zwei erobern konnte, aber auch in Österreich, Frankreich und weiteren Staaten. Dieses Signal wird auch auf nationaler Ebene nachhallen. Es wäre angesichts der Verzögerungen bei der Umsetzung des Pariser Klimaschutzabkommens und der damit verbundenen drohenden Strafzahlungen in Milliardenhöhe hoch an der Zeit.

Drittens: Die EU-Wahl ist auch dieses Mal massiv von nationalen Stimmungen geprägt worden. Entsprechend werden die Ergebnisse Konsequenzen für die jeweilige nationale Politik haben. Ein Erdbeben erlebte etwa die Koalition in Berlin, wo Union und SPD gemeinsam fast 18 Prozentpunkten einbüßten. Vor allem die SPD wird nicht zur Tagesordnung übergehen können. Die Zukunft der deutschen Regierung steht auf wackeligen Beinen. Eine bittere Niederlage erlebte auch Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, der gegen die Rechtsaußen-Partei von Marine Le Pen den Kürzeren zog.

In Summe führten diese europäisch grundierten nationalen Voten zu einer deutlichen Verschiebung im neuen EU-Parlament: Die Konservativen wurden erneut stärkste Fraktion, sie haben jedoch die gemeinsame Mehrheit mit den Sozialdemokratien verloren. Gestärkt wurden Liberale und Grüne wie auch rechtsnationale Kräfte, Letztere schafften allerdings nicht den angekündigten Erfolgslauf quer durch Europa.