London/Amsterdam. (rs) Es ist eine europäische Ironie: Bei der Wahl des EU-Parlaments, die am Sonntag um 23 Uhr mit dem Schließen der italienischen Wahllokale zu Ende geht, dürften ausgerechnet jene Parteien gut abschneiden, die das Projekt Europa zum Feindbild erklärt haben. Laut den Meinungsforschern könnten die europaskeptischen Rechtsparteien knapp ein Viertel der Sitze in Straßburg erobern.

Welches Potenzial die Populisten haben, hat jedenfalls schon die United Kingdom Independence Party (Ukip) von Nigel Farage bewiesen. Zwar dürfen die offiziellen Ergebnisse in Großbritannien, wo die Wähler bereits am Donnerstag zu den Urnen gerufen waren, erst am Sonntag veröffentlicht werden, doch die Auszählungsergebnisse der gleichzeitig abgehaltenen Kommunalwahlen lassen schon einen eindeutigen Trend erkennen - und dieser weist auf einen massiven Erfolg der Ukip hin.

In jenen Wahlkreisen, in denen Farages Partei antrat, konnte sie rund 25 Prozent der abgegebenen Stimmen auf sich vereinigen. Bereits im Wahlkampf hatte der 50-jährige Parteichef, der offensiv für einen EU-Austritt seiner Heimat und einen Einwanderungsstopp wirbt, ein "politisches Erdbeben" versprochen.

Viele Stimmen konnte die Ukip vor allem den Konservativen von Premier David Cameron abnehmen, der damit auch im Hinblick auf die Unterhauswahlen 2015 unter Zugzwang steht. Bei den Tories wurde am Freitag bereits der Ruf nach einem "Wahlpakt" mit den Rechtspopulisten laut, der konservative Bildungsminister Michael Gove sah das Wahlergebnis als Auftrag an, künftig noch europakritischer zu agieren und in Immigrationsfragen eine noch striktere Linie zu verfolgen.

Noch schlimmer als die Konservativen erwischte es mit den Liberaldemokraten allerdings den Juniorpartner in der Regierungskoalition. Die Partei von Nick Clegg verlor fast ein Drittel ihrer Gemeinderatssitze. "Der Ukip-Fuchs ist im Hühnerstall von Westminster angekommen", sagte Farage, der sich nun sogar berechtige Hoffnung auf Platz eins bei den EU-Wahlen machen darf.

Der abgewählte EU-Austritt

Während Farages Ukip in London bereits die Sektkorken knallen ließ, musste in Amsterdam eine andere Galionsfigur der europakritischen Rechtsparteien ihre schmerzliche Niederlage eingestehen. "Wir haben wie die Löwen gekämpft, doch die Prognosen sind enttäuschend", räumte PVV-Chef Geert Wilders am Freitag ein. Laut den Nachwahlbefragungen, für die knapp 40.000 Personen interviewt worden waren, kommt die Partei des 50-jährigen Islam-Gegners mit 12,2 Prozent nur auf Platz vier. In den Umfragen vor der Wahl hatte der Rechtspopulist mit den platinblond gefärbten Haaren, der den Niederländern bei einem EU-Austritt einen spürbaren Anstieg des Wirtschaftswachstums in Aussicht stellt, hingegen die meiste Zeit geführt.

Als Sieger bei den niederländischen EU-Wahlen dürfte am Sonntag die klar proeuropäische D66 verkündet werden. Laut der Nachwahlbefragung liegt sie mit 15,6 Prozent knapp vor den Christdemokraten, denen 15,2 Prozent prophezeit werden.

Doch das Nein zu Wilders ist nicht automatisch ein Ja zu Europa. Denn wie eine vor kurzem veröffentlichte Umfrage zeigt, steht fast jeder zweite Niederländer der Europäischen Union skeptisch gegenüber. Dass jene Bürger, die mit Europa ein gewisses Unbehagen verbinden, jetzt nicht doch für Wilders gestimmt haben dürfte vor allem mit dessen vergleichsweise radikalen Positionen zu tun haben. Die Hetze des PVV-Chefs gegen Marokkaner und der Ruf nach einem Austritt aus der EU gingen dann wohl doch vielen Niederländern zu weit.