Das Burgenland ist in vielerlei Hinsicht ein Unikum in Österreich. Obwohl es ländlich geprägt ist, regiert dort seit 56 Jahren die SPÖ. Der amtierende Landeshauptmann Hans Peter Doskozil will diese Tradition auch nach der Landtagswahl am 26. Jänner fortführen. Diese rote Dominanz erklärte Doskozil kürzlich in dieser Zeitung mit einem Klischeebruch.

Die Burgenländer sind traditionell Pendler. Viele seien damals nach Wien gefahren, um auf dem Bau zu arbeiten. Die Landwirtschaft sei eher kleinteilig und ein Nebenerwerb gewesen. Der Bildungsaufschwung der Kreisky-Ära machte sich im Burgenland bemerkbar. Doskozil konnte Ende der 70er-Jahre mit einem anderen Burschen aus seiner Ortschaft ins Gymnasium gehen. "Das war etwas Besonderes." Mit einem Haushaltsgehalt hätte man sich ein Einfamilienhaus bauen können. Aber das war erst der Beginn einer großen Veränderung für den ewigen wirtschaftlichen Nachzügler.

Die wirtschaftliche Wende im Burgenland begann mit einer Übertreibung. Diese Anekdote erzählt Brigitte Ederer, Anfang der 90er Jahre Europa-Staatssekretärin im Bundeskanzleramt, im Buch "Der dreizehnte Stern: Wie Österreich in die EU kam". Im Dezember 1993 überzeugte sie gemeinsam mit dem damaligen burgenländischen Landeshauptmann Karl Stix (SPÖ) den britischen Generalkommissar der Europäischen Gemeinschaft Bruce Millan (Labour Party) bei einem seiner Besuche im Burgenland davon, dass dieses ein besonders "armer Landstrich" sei. Diese Inszenierung war nicht unwesentlich für das Burgenland, um die 1,3 Milliarden aus dem EU-Fördertopf zu bekommen, die das Bundesland in den vergangenen 25 Jahren nachhaltig verändern sollte.

Ederer riet Stix damals, bei Millans Besuch kein großes Essen aufzutischen, wie es Landeshauptleute für hohe Gäste für gewöhnlich tun. "Da habe ich ihm gesagt, so wird das nichts werden. Ziel-1-Gebiet heißt armes Land. Das hat er begriffen und hervorragend gemacht", so Ederer.

So führte der Weg ins Südburgenland unter anderem nach Nebersdorf im Bezirk Oberpullendorf. Bei "schrecklichem Winterwetter" seien sie unterwegs gewesen. In einem örtlichen, etwas heruntergekommenen Schloss servierten Rekruten Rindfleisch mit Semmelkren auf abgeschlagenen Tellern, sagt sie zur "Wiener Zeitung". Eine kroatische Tanzgruppe trat zu Tamburizza-Klängen auf, wie aus einem stenografischen Protokoll des Nationalrats vom 2. Dezember 1993 hervorgeht. Unweit von dem Kastell entfernt, standen Ederers Erinnerung nach ungarische Wachtürme. "Ständig sind wir durch den Gatsch gegangen", wird sie in dem Buch zitiert. Bei der Rückfahrt nach Wien auf der Südautobahn soll Kommissar Millan dann zu Ederer gesagt haben: "This is really a poor country." Der Brite hielt das Burgenland ganz offensichtlich für ein sehr armes Bundesland.