Aktuell fordern die Länder eine Erhöhung der Bundeszuschüsse zur Pflege als Ersatz für den Wegfall des Regresses. Selbst wenn das kommt, sind wir noch immer von einer umfassenden Lösung der Probleme bei der Pflege entfernt.

Ja, wir brauchen hier eine große Lösung. Dazu werden wir wohl über eine Versicherungspflicht oder Pflegeversicherung nachdenken müssen. Allein aus dem Budget werden wir das auf Dauer nicht finanzieren können. Was die aktuelle Debatte über die Kompensation für den Pflegeregress angeht, besteht für mich kein Zweifel, dass, wer anschaffen will, auch zu zahlen hat. Der Nationalrat hat als Wahlzuckerl den Regress einseitig und überfallsartig abgeschafft, daher muss der Bund auch die Kosten berappen - und zwar die vollen.

Die ÖVP ist die einzige Partei, die mit allen anderen Parteien im Parlament koalitionsfähig ist. Ist das besonders pragmatisch und klug oder nur besonders machtgesteuert?

Auch wenn wir jetzt dank Sebastian Kurz zweimal hintereinander stärkste Kraft geworden sind, sind wir nicht allein auf der Welt. Das habe ich ihm auch persönlich gesagt. Mit wem auch immer eine Regierung zustande kommt, es sollte ein Partner sein, von dem wir annehmen können, dass es die ganze Legislaturperiode hält. Dass das auch für uns schwierig sein wird, ist allen klar. Wir werden einen Teil unserer Wähler verlieren, egal, mit wem wir am Ende regieren. Die Wähler sind längst ständig auf Wanderschaft.

Worauf sollte die ÖVP dann achten?

Entscheidend ist, dass sich die Volkspartei in den Bereichen Wirtschaft, Steuern und Migration als starker Faktor in einer gemeinsamen Regierung wiederfindet. Dabei muss man aber bedenken, was von einem Partner verlangt, was ihm zugemutet werden kann. Wir haben nichts davon, wenn wir als ÖVP die Regierungsverhandlungen haushoch gewinnen und uns dann anschließend der Partner um die Ohren fliegt. Keine Seite darf gezwungen werden, ihre Seele zu verkaufen. Auf dem Weg zu diesem Ziel ist es eigentlich egal, wie lange die Verhandlungen dauern, solange es nur erreicht wird.

Wenn Sie das Jammertal sehen, in dem sich die SPÖ derzeit befindet, denken Sie dann, dass genau das auch der ÖVP hätte blühen können? Immerhin lag die ÖVP noch 2015 in Umfragen bei unter 20 Prozent.

Ich habe erlebt, wie wir 2005 in der Steiermark den Landeshauptmann verloren haben; die Sozialistische Jugend hat damals einen Fackelzug zur ÖVP-Zentrale in Graz veranstaltet; ich kann mich noch gut an unsere Gesichter damals erinnern. Und ich habe auch etliche Siege und Niederlagen im Bund hautnah miterlebt. Von daher verspüre ich weder Freude noch Genugtuung angesichts der Lage der SPÖ. Helmut Kohl hat einmal gesagt, in einer Niederlage findet sich nichts Gutes, außer, dass man die wirklichen Freunde kennenlernt. Deshalb sollte sich auch der Stärkere selbst stets fragen, wie er als Schwächerer behandelt werden wollte. Das Blatt kann sich schnell ändern.