In Wien beginnen demnächst die Gespräche zur Bildung einer neuen Stadtregierungskoalition. Nachdem die Sondierungsrunden nun abgeschlossen sind, liegt der Ball bei der SPÖ. Parteichef und Bürgermeister Michael Ludwig wird Anfang nächster Woche verkünden, mit wem er verhandeln wird. Dies hat ein Sprecher der Partei am Donnerstag bekräftigt.

Anzunehmen ist, dass Ludwig bereits in dieser Woche noch die eine oder andere interne Beratung ansetzen wird. Die Parteigremien werden jedoch erst nach dem Wochenende formal grünes Licht geben. Dass dies schon am Montag - also am Nationalfeiertag - der Fall sein wird, gilt als ausgeschlossen. Denn Ludwig wird an diesem Tag an den offiziellen Feierlichkeiten teilnehmen, wie in der Partei betont wird. Somit gilt der Dienstag als aussichtsreicher Kandidat für die Verhandlungsentscheidung.

"Durchaus Differenzen"

Auf welche Partei die Wahl fallen wird, darüber gibt es derzeit bestenfalls Spekulationen. Die SPÖ hat mit der ÖVP, den Grünen und den Neos sondiert. Über die Inhalte der Treffen wurde nichts verlautbart, Ludwig hat sich diesbezüglich nicht in die Karten blicken lassen. Auch die möglichen Juniorpartner blieben vage - mit einer Ausnahme: Wiens ÖVP-Chef, Finanzminister Gernot Blümel, berichtete Mittwochabend, dass es inhaltlich "durchaus Differenzen" gegeben habe. Das deutet nicht darauf hin, dass Rot-Türkis sehr wahrscheinlich ist.

Tatsächlich wäre eine Fortsetzung von Rot-Grün eine relativ logische Variante - auch da beide Parteien gestärkt aus der Wahl hervorgegangen sind. Allerdings ist die SPÖ sichtlich nicht abgeneigt, eine Koalition mit den Neos in Betracht zu ziehen. Sie würden anders als die Grünen aufgrund der Wahlarithmetik auch nicht zwei, sondern nur einen Stadtrat erhalten. Das würde dann wohl bedeuten, dass Bildungsstadtrat Jürgen Czernohorszky seinen Sessel räumen müsste. An die Grünen würde die SPÖ wahrscheinlich zusätzlich das Umweltressort abtreten müssen - allerdings wahrscheinlich ohne Stadtwerke und Wien-Holding.

Wie auch immer die Entscheidung ausfällt: Auf die Verhandler wartet angesichts des sehr straffen Zeitplans nicht wenig Arbeit. Denn Ludwig hat zuletzt betont, dass die Koalition bis Mitte November stehen soll. Dies würde auch garantieren, dass - wie es in Wien bisher üblich war - die neue Regierung bei der konstituierenden Sitzung des Gemeinderats angelobt wird. Diese wird voraussichtlich am 24. November stattfinden.

Die derzeit noch amtierende rot-grüne Regierung benötige dafür 19 Tage. Nicht einmal drei Wochen also vergingen 2015 vom Auftakt der Verhandlungen bis zur Absegnung des Pakts durch die Gremien beider Parteien.

2015 dauerte es 19 Tage

Vor fünf Jahren fand die Wien-Wahl ebenfalls am 11. Oktober statt und Ziel war es ebenfalls, eine Regierung bis Mitte November auf die Beine zu stellen. Wobei das Resultat 2015 eine andere Ausgangslage in Sachen Partnerwahl brachte. Damals standen der SPÖ bzw. dem damaligen Bürgermeister Michael Häupl aufgrund der Mandatsverhältnisse nämlich nicht drei, sondern nur zwei Optionen offen: entweder die Fortsetzung der Koalition mit den Grünen unter Frontfrau Maria Vassilakou oder eine Zusammenarbeit mit der ÖVP nach deren historisch schlechtestem Wahlergebnis. Die Neos zogen zwar erstmals in den Gemeinderat und Landtag ein, kamen allerdings nur auf fünf Mandate. Gemeinsam mit den 44 SPÖ-Abgeordneten ergab sich 2015 damit - anders als jetzt - keine Mehrheit für eine mögliche rot-pinke Koalition.

Nach einer Gesprächsrunde in der Woche nach der Wahl mit allen Parteien - Häupl und sein Team sprachen trotz allem mit den Neos und auch mit der FPÖ, mit der wie dieses Mal eine Kooperation von vornherein ausgeschlossen wurde -, verkündete der Bürgermeister am 20. Oktober nach einem entsprechenden Gremienbeschluss, in Koalitionsgespräche mit den Grünen zu gehen. Zwar meinte der damalige Stadtchef, ergebnisoffen zu verhandeln, betonte aber gleichzeitig, "nicht wirklich unüberwindliche Hindernisse", bestenfalls "Meinungsverschiedenheiten" zu sehen. Streitigkeiten aus der ersten rot-grünen Periode sah er gelassen: "Wenn es in einer Koalition keine Konflikte gäbe, dann wäre das schön fad."

Die erste Verhandlungsrunde ging nach dem Nationalfeiertag, am 27. Oktober, über die Bühne, wobei hier erst einmal der Fahrplan und die Vorgangsweise festgelegt wurden. Inhaltlich ging es erst tags darauf erstmals zur Sache - nicht nur in den Kernteams, sondern auch in den zahlreichen Untergruppen, die sich konkrete Themenbereiche vornahmen. Am 13. November 2015 lag der 138-seitige Pakt "Eine Stadt, zwei Millionen Chancen" vor. Einen Tag später segneten die Gremien von SPÖ und Grüne das Verhandlungsergebnis offiziell ab. Die Neuauflage von Rot-Grün war damit 19 Tage nach Verhandlungsstart endgültig unter Dach und Fach. Am 24. November wurde die Stadtregierung angelobt.

Große Koalition 1996

Neben der ersten Auflage der Zusammenarbeit mit den Grünen ab 2010 musste die jahrzehntelang mit der absoluten Mehrheit verwöhnte SPÖ übrigens erstmals 1996 einen Regierungspartner suchen. Bei der Gemeinderatswahl 1996 rutschten die Roten unter Michael Häupl um mehr als acht Prozentpunkte auf 39,15 Prozent ab. Sie erreichten damit ihren bis heute geltenden historischen Tiefstand. Die Wahl in Sachen Regierungspartner fiel auf die ÖVP. Man überließ ihr mit Bernhard Görg das Planungs- und mit Peter Marboe das Kulturressort. Fünf Jahre später holte Häupl die Absolute zurück, die folglich wieder zwei Legislaturperioden ohne Partner schalten und walten konnte. 2010 Jahren rutschte die Bürgermeisterpartei wieder unter die Grenze von 50 Mandaten. Die Folge war die bundesweit erste rot-grüne Koalition.