Internationales Vorzeigeprojekt

Von etwaigen Schwächen in der Planung oder Mängeln in der Infrastruktur will man bei "Wien 3420" nichts wissen. Im Gegenteil, täglich wachse das Interesse am Projekt. Auch zahlreiche internationale Delegationen würden kommen, um sich die Umsetzung des Projekts zeigen zu lassen. Spricht man mit den Seestadt-Bewohnern selbst, ergibt sich ein differenziertes Bild. So betont beispielsweise eine junge Bewohnerin, dass gerade erst im August vor der Wahl zahlreiche neue Mieter ihre Wohnungen in der Seestadt bezogen haben. Wer aber vor dem Stichtag 4. August noch nicht hier gemeldet war, war noch nicht in einem der drei Seestadt-Sprengel wahlberechtigt und wählte noch an seiner alten Wiener Adresse oder war im Oktober in Wien überhaupt noch nicht wahlberechtigt. Zudem gebe es eine hohe soziale Durchmischung in der Seestadt, genau das sei ja auch Ziel der Stadt Wien. So gebe es unter den zahlreichen gemeinnützigen Bauprojekten auch sogenannte "Baugruppen", in denen alternative Wohnprojekte realisiert würden, sowie ein Studentenwohnheim. Viele Bewohner dieser Anlagen würden traditionell die Grünen oder auch die Neos wählen. Und genau diese Stimmen könnten der SPÖ gefehlt haben.

FPÖ ortet Qualitätsmängel

Bei der FPÖ will man hingegen sehr wohl wissen, wieso viele Seestadt-Bewohner ihr Kreuz bei den Blauen gemacht haben. "Das Ergebnis ist in der Tat atypisch", sagt Anton Mahdalik, FPÖ-Wien Bereichssprecher für Stadtentwicklung. Normalerweise wären Mieter neuer Wohnanlagen in den ersten Jahren sehr zufrieden und würden dies auch der Stadtregierung positiv anrechnen. Nicht so in der Seestadt.

"Die Wohnflächen sind zum Teil sehr dicht verplant. Die Mieter können sich zum Teil gegenseitig in die Wohnungen schauen. Es mangelt an Parkplätzen, vor allem vor dem Kindergarten. Die Sammeltiefgaragen kommen bei vielen nicht gut an." Die Unzufriedenheit sei bei vielen Mietern groß und wurde auch an ihn herangetragen, sagt Mahdalik. Außerdem finde fast jeder zweite Polizeieinsatz in der Gegend in einer der neuen Siedlungen der Seestadt statt. "Viele wollen wieder ausziehen oder sind schon weggezogen", behauptet Mahdalik, der eigenen Angaben zu Folge selbst nahe der Seestadt wohnt.

Fraglich, ob es wirklich mangelnde Parkplätze und Polizeieinsätze sind, die der FPÖ in Aspern die Wähler zugetrieben haben. Ähnliche Probleme sind in ganz Wien anzutreffen. Ernst Nevrivy, SPÖ-Bezirksvorsteher der Donaustadt, sieht das Wahlverhalten in der Seestadt "wie überall weniger mit Kommunalentscheidungen als von soziologischen Faktoren" abhängig. Bildung, Arbeitsplätze und Möglichkeiten würden die Wahlentscheidung bestimmen. "Mit einem Drittel der abgegebenen Stimmen sowohl für FPÖ als auch SPÖ - wenn man alle drei Sprengel der Seestadt Aspern zusammennimmt - ist das kein Hinweis auf eine besondere FPÖ-Lastigkeit", sagt Nevrivy.