Wien. Inhalte haben bis jetzt noch keine große Rolle gespielt in diesem doch eher plötzlich über Österreich hereingebrochenen Wahlkampf. Statt Sachthemen zu diskutieren, waren alle Parteien vollauf damit beschäftigt, die Folgen der Ibiza-Affäre aufzuarbeiten.

Doch bis zum Wahltag am 29. September ist noch viel Zeit; und bis dahin müssen sich die Parteien auch inhaltlich in zentralen Fragen positionieren. Um den Wählern für den Urnengang eine Orientierungshilfe zu bieten, startet die "Wiener Zeitung" wieder ihren bereits traditionellen Online-Wahlhelfer: Anhand von 25 pointierten Statements können die Nutzer herausfinden, mit welcher der kandidierenden Parteien sie am stärksten übereinstimmen, mit welcher die größten Differenzen bestehen. Zur Mitwirkung eingeladen wurden mit ÖVP, SPÖ, FPÖ, Neos, Liste Jetzt und Grünen jene sechs Listen, denen die Meinungsforschung realistische Chancen auf den Einzug in den Nationalrat einräumt.

Kein nationaler Alleingang bei CO2-Steuer

Den Auftakt macht die angesichts des Klimawandels umkämpfte Frage einer CO2-Steuer: Soll eine solche Abgabe Teil der nächsten Steuerreform sein, und zwar notfalls auch im nationalen Alleingang? "Nein" antworten in seltener Eintracht ÖVP, SPÖ und FPÖ, "ja" sagen Grüne, Neos und Liste Jetzt. Die - ebenfalls klimapolitisch relevante - Zulassung gentechnisch veränderter Pflanzen zur Produktion von Biomasse lehnen bis auf Neos sämtliche Parteien ab; gegen ein Öffi-Ticket für Pendler um maximal 3 Euro pro Tag spricht sich mit "eher nein" allein die Volkspartei aus.

Möglicherweise steht Österreich in der kommenden Legislaturperiode ein Kulturbruch bevor, jedenfalls dann, wenn die Parteien ihrer Überzeugung auch Taten folgen lassen: Alle sechs Parteien sprechen sich nämlich für die Abschaffung des Amtsgeheimnisses und die Einführung eines Informationsfreiheitsgesetzes aus, das den Bürgern einen Rechtsanspruch auf Zugang zu amtlichen Informationen geben soll. In der Vergangenheit ist ein solches Unterfangen stets im parlamentarischen Unterholz und an Details hängen geblieben.

Entlang der bisherigen politischen Frontlinien positionieren sich die Parteien bei der Mindestsicherung: Dass deren Bezugshöhe weiter an ausreichende Deutschkenntnisse gebunden sein soll, finden die ehemaligen Regierungspartner ÖVP und FPÖ richtig und wichtig, die einstige Opposition aus SPÖ, Neos, Liste Jetzt und Grünen will dies ändern.

Populäre Positionen bei Pensionen und Mieten

Mut zur Einzelmeinung hat die Kleinpartei Neos bei zwei heiklen Themen: Als jeweils Einzige befürworten sie nicht nur eine Anpassung des Pensionsantrittsalters an die Lebenserwartung als sinnvollsten Weg, die staatliche Altersvorsorge abzusichern, sondern auch eine Liberalisierung des heimischen Mietrechts als wirksamstes Mittel gegen steigende Mieten. Alle anderen Parteien, die auch weitaus größere Wählergruppen ansprechen wollen, positionieren sich gegen diese beiden Aussagen.