Dass alle Anträge aus Prinzip abgelehnt oder vertagt und damit ins Jenseits befördert werden, ist natürlich ernüchternd. Aber das habe ich gewusst. Und da ich aus dem Menschenrechtsbereich komme, bin ich vielleicht keine offensichtlichen Erfolgserlebnisse gewöhnt. Bei Arbeit in der Folterprävention ist es ja beispielsweise ein Erfolg, wenn etwas nicht passiert. Aber dieser Erfolg ist eben nicht so gut sichtbar. Auch jetzt denke ich: Wir haben viel verhindert durch unsere Anfragen, durchs Dranbleiben. Es hätte noch viel schlimmer sein können.

Die Neos haben unter Schwarz-Rot damals eine sehr inhaltliche Oppositionsarbeit gemacht. Diesmal waren die Neos zwar deutlich präsenter, aber auch weniger inhaltlich. Man war eher Widerpart zu den Regierungsparteien. Warum?

Es war, denke ich, alles überlagert durch diese aktive Message-Control der Regierung. Sie hat sehr aktiv Themen gespielt, und dann lag es an uns, aufzuzeigen, wie wenig durchgerechnet die Vorschläge und wie wenig nachhaltig sie sind. Es waren oft nur Luftblasen. Wir haben aber schon versucht, unsere Themen zu spielen, haben Pressekonferenzen gegeben und eben Anträge verfasst.

Springen wir in die Zukunft: Wie soll es denn weitergehen nach dem 29. September?

Es ist verzwickt. Wir werden unsere Inhalte präsentieren, unsere Reformkonzepte, und dann sehen, wofür sich die Bürgerinnen und Bürger entscheiden. Man muss halt sehen, was sich ausgeht. Wir Neos haben unsere klaren roten Linien. Wir sind ja nicht da, um an die Macht zu kommen, sondern um etwas zu verändern. Darum überschreiten wir diese roten Linien nicht.

Die Neos und Kurz waren sich einmal sogar recht nahe. Es gab sogar Gespräche über eine gemeinsame Liste. Die Distanz ist doch deutlich größer geworden, oder?

Ja sicher. Die vergangenen zwei Jahre waren geprägt von Schlagzeilenpolitik. Und das ist genau das, was wir nicht wollen. Es bräuchte auch einen großen Schwenk, gerade in meinen Bereichen, weg von dieser ausschließenden Rhetorik. Fast jedes Thema wurde mit einem fremdenfeindlichen Unterton angegangen. Ich denke aber leider, dass sich Sebastian Kurz nicht verändern und nur nach Machtkalkül entscheiden wird.

Also doch Türkis-Blau?

Es wäre schon sehr schwer, das weiterzumachen. Auch das internationale Renommee von Kurz wird leiden, wenn es wieder diese Koalition wird. Es wird wieder einen Skandal geben und wieder Neuwahlen. Es wäre von ihm sehr verantwortungslos. Und wenn schon nicht dem Land zuliebe, vielleicht denkt er ja sich selbst zuliebe um.

So wie sich derzeit alle Parteien in ihren Positionen und roten Linien eingraben, wird es aber überhaupt schwierig, eine Mehrheit zu finden.

Es ist wirklich unglaublich verquirxt. Ich verdränge das einfach und mache das Einzige, was ich tun kann: meine Arbeit.