"Wiener Zeitung": Warum ist die Körpersprache eines Politikers von Bedeutung?

Stefan Verra: Das Parteiprogramm ist enorm wichtig. Damit allein gewinnt man aber keine Wahlen. Es braucht jemanden an der Spitze, der die Emotionen der Wähler trifft. Sind die Menschen auf die Regierung angefressen, muss ein Oppositionspolitiker das mit seiner Körpersprache widerspiegeln - und zwar deutlich. Dadurch fühlen die Unzufriedenen: "Der hat meinen Ärger verstanden!"

Wie schneidet hier SPÖ-Spitzenkandidatin Pamela Rendi-Wagner ab?

Rendi-Wagner hat die Körpersprache eines Alphas. Sie ist souverän, erhaben, blickt gerade und klar in die Kameras. Für eine Vorstandsvorsitzende oder eine Bundeskanzlerin ist das wunderbar, nicht aber für die Oppositionsrolle. Die Wähler, die auf die türkis-blaue Regierung angefressen sind, holt sie mit dieser Zurückhaltung und Intellektualität nicht ab. Dem Arbeiter in Simmering hält sie die Tür zur SPÖ verschlossen.

Also müsste Sie mehr auf den Tisch hauen?

Ihr wurde offenbar geraten, mehr aus sich herauszugehen. Und dadurch kam es zu etwas befremdlichen Auftritten. Denn wenn ein Mensch etwas macht, das nicht seinem Temperament entspricht, wirkt das unbeholfen. Rendi-Wagner ist einfach keine, die auf den Tisch haut. Aus meiner Sicht hätte sie diese Rolle nicht annehmen dürfen. Da ist Beate Meinl-Reisinger ein anderes Kaliber. Ihre Auftritte haben eine unglaubliche Kraft.

Warum?

Wenn wir zornig sind, schiebt sich der Unterkiefer nach vorne. Bei Meinl-Reisinger geschieht das von Haus aus. Sie hat einen kräftigen Unterkiefer, der ein bisschen nach vorne geschoben ist. Sie macht immer kleine, zackige Handkantenschläge und beutelt ihre Worte mit einem Kopfschütteln hinaus. Sie sagt dann Sachen wie: "Net bös’ sein, aber das haben wir jetzt schon jahrelang besprochen." Das sind die Bewegungen und Worte der Opposition.

Sie kanalisiert sozusagen den Zorn der Angefressenen?

Ja, denn wer im Wirtshaus sitzt und mit der Regierung unzufrieden ist, macht die gleichen Bewegungen, sagt das Gleiche. Natürlich haben die Neos eine zu kleine Parteibasis, um in einen relevanten Bereich zu kommen. Aber von der Körpersprache her holt Meinl-Reisinger die Angefressenen besser ab als Rendi-Wagner.

Wie lässt sich ÖVP-Spitzenkandidat Sebastian Kurz einordnen?

Kurz wiegt uns in Sicherheit. Seine Bewegungen sind langsam und sehr eng am Körper. Wenn er spricht, formt er seine Hände oft so, als würde er eine Salatschüssel halten. Das beruhigt, schläfert manchmal aber fast schon etwas ein. Zudem wirkt er damit eher alt, was wiederum erklärt, warum seine Worte so überlegt wirken. Insgesamt ist Kurz körpersprachlich kein überragendes Talent.