Der Gesundheitsexperte des Instituts für höhere Studien (IHS), Thomas Czypionka, diagnostiziert: "Die Problematik ist nicht so sehr eine Frage der Quantität, sondern der Verteilung." Das betreffe vor allem Österreichs Peripherie, die Regionen außerhalb der größeren Städte. Insbesondere die Attraktivität des Allgemeinmediziners müsse hier erhöht werden, meint Czypionka: "Man weigert sich, aus Allgemeinmedizinern Fachärzte zu machen."

Die Ärztekammer hat, um diese Attraktivität zu steigern, auch eine bessere Abgeltung für praktische Ärzte im niedergelassenen Bereich gefordert. Nach Ansicht des Gesundheitsexperten stehe allerdings grundsätzlich "gar nicht so sehr das Monetäre im Vordergrund". Allgemeinmediziner im niedergelassenen Bereich würden als eine Art Arzt "zweiter Klasse" angesehen: "Das ist ein rein psychologischer Effekt."

Neue Versorgungszentren

Verbesserungen für den Einstieg erwartet sich Czypionka durch die Primärversorgungszentren, deren Einrichtung inzwischen angelaufen ist. 75 solcher Zentren, in denen Ärzte mit anderen Gesundheitsberufen direkt zusammenarbeiten, sollen bis 2022 geschaffen werden. "Dann fällt es mir leichter, im niedergelassenen Bereich zu arbeiten", meint Czypionka. Es bestehe dann auch die Möglichkeit, im Team zu arbeiten.

In der Oberösterreichischen Gebietskrankenkasse wird betont, dass man mit Kassenverträgen auf neue Möglichkeiten setze, um vor allem die jüngere Ärztegeneration verstärkt für den niedergelassenen Bereich gewinnen zu können. Das beinhalte etwa neue Arbeitszeitmodelle, die auch praktischen Ärzten im niedergelassenen Bereich eine bessere Work-Life-Balance und familiengerechtes Arbeit erlauben soll.

Auf den Umstand, dass so manche Gemeinde über Schwierigkeiten bei der Nachbesetzung von Hausärzten klagt und selbst in Wien-Favoriten zuletzt Allgemeinmediziner mit einer Startförderung der Stadt unterstützt werden mussten, verweist der Hauptverband der Sozialversicherungen auf die Entwicklung in den vergangenen 50 Jahren. Man sieht diese Statistik als Indiz, dass die generelle Klage über Ärztemangel ein Mythos sei.

Demnach ist die Zahl der Vertragsärzte der Kassen von 5350 im Jahr 1970 auf 7210 im Jahr 2017 gestiegen. Davon handelte es sich 2017 um 3977 Allgemeinmediziner mit Kassenvertrag, 1970 waren es 3458. Die Zahl der Vertragsärzte wurde also nicht kleiner. 1970 kamen nach diesen Zahlen auf jeweils 100.000 Einwohner in Österreich 71,6 Vertragsärzte, mittlerweile seien es 82.

Die Ärztekammer verlangt insgesamt 1300 Kassenärzte mehr. Sie verweist auch darauf, dass die Zahl der Wahlärzte, bei denen Patienten nur ein Teil der Kosten refundiert wird, vom Jahr 2000 bis ins Vorjahr von knapp 4800 auf gut 10.000 gestiegen sei. Die Ärztekammer befürchtet außerdem, dass sich die Situation im niedergelassenen Bereich durch die in den kommenden Jahren bevorstehenden Pensionierungen deutlich verschärfen werde.