Für die Stadt Wien bedeutet selbst das mit Stetten vergleichsweise moderate Wachstum eine enorme Herausforderung, gerade im Bildungsbereich. Wien kommt mit dem Schulbau kaum nach. Für Stetten hatte der Zuzug eine andere Konsequenz: Das Bevölkerungswachstum machte die Wiedereröffnung der lange geschlossenen Volksschule überhaupt erst möglich. "Das wollten wir unbedingt", erzählt der Bürgermeister.

Ideale Verkehrsanbindung

Vor rund zehn Jahren hat sich die bereits zuvor nicht so schlechte Verkehrsanbindung noch einmal verbessert durch den Bau der S1. Schon davor hatte die Gemeinde ein Gewerbegebiet erschlossen, auf dem sich bekannte Firmen wie der Seilbahn-Weltmarktführer Doppelmayr niedergelassen haben. Früher gab es zwar dort ein Ziegelwerk, aber das liegt schon sehr viele Jahrzehnte zurück.

- © Tatjana Sternisa
© Tatjana Sternisa

Ein schönes Entrée für die Fahrt nach Stetten bildet dieses Gewerbegebiet nicht gerade, doch es bringt Geld. Die kleinen Betriebe, das Kaufhaus, der Schuhmacher, sind längst weg, und welche Gemeinde nur von Ertragsanteilen und Bedarfszuweisungen lebt, kann keine großen Sprünge machen. Stetten aber kann investieren.

Ein altes, aufgelassenes Café hat die Gemeinde erworben und eine Arztpraxis darin eingerichtet. Jetzt hat Stetten wieder eine Allgemeinmedizinerin mit Kassenvertrag. Mitten im Ort. "Das hat uns 280.000 Euro gekostet", sagt Seifert. Ohne die Steuermittel aus dem Gewerbegebiet wäre so eine Investition kaum zu stemmen. "Und es sind immerhin ein paar hundert Arbeitsplätze", sagt Seifert. Auch das ist relevant.

Ob eine Gemeinde öffentliche Gelder in eine private Arztpraxis stecken soll, ist eine heikle Frage. Stetten ist hier keineswegs allein. Es gibt einige Gemeinden, die sogar ein Gasthaus bezugsfertig hergerichtet haben, um es an Private zu verpachten. Oder den Bankomaten subventionieren, damit die Einwohner weiterhin Bargeld beheben können. Doch was ist die Alternative? Keine Ärztin? Kein Bargeld? Kein Wirtshaus? Gerade in der ländlichen Peripherie ist das oft Realität. Diese Art der Veränderung wird von niemandem als positiv empfunden, man kann sie sich auch nicht schönreden. Und sie ist längst, wenn auch eher subkutan, zu einem Wahlmotiv geworden. Und zwar nicht nur hierzulande.

Der Traum vom Bäcker

In Stetten gibt es noch ein Gasthaus, es ist zum Restaurant und Seminarhotel geworden. Die Heurigen sind zwar weniger geworden, aber sie sind wie früher soziale Treffpunkte. Nun gibt es eine Ärztin, die Volksschule und auch noch eine Bankfiliale, wenngleich die Mitarbeiter hier nur ambulant Dienst versehen. Sie kommen bei Bedarf, ansonsten müssen die Stettner mit Maschinen vorliebnehmen. "Das war auch eine Umstellung", sagt der Bürgermeister. Eine kleine vielleicht nur, aber selbst deshalb gab es eine kleine Aufregung.

Das zeigt aber auch, wie sensibel die Menschen sind, wenn es um die Infrastruktur geht, vor allem in ländlichen Regionen. Es ist auch ein Unterschied, ob in Wien ein paar Wirtshäuser zusperren und von Pizzerien ersetzt werden oder ob das einzige Wirtshaus im Dorf schließt. Und niemand aufsperrt. Bürgermeister Seifert hat es auch noch nicht aufgegeben, wieder den Nahversorger zurückzubringen. Ein Bäcker war bereit, einen Kiosk aufzustellen. Es wäre fast wie früher. "Aber es haben sich keine Mitarbeiter gefunden", erzählt Seifert. Heurigenwirt Wiedeck wundert das nicht. "Wer stellt sich am Samstag um sechs Uhr Früh ins Geschäft?"