Politischer Kommentar durch Memes

Dieses Potenzial erkannte auch die Gründerin des Instagram Accounts @ibiza_austrian_memes - eine Meme-Seite, die im Zuge des Ibiza-Skandals entstand. Und zwar sehr schnell, wie die Betreiberin, die anonym bleiben will, erzählt: Das Ibiza-Video wurde veröffentlicht. Die ersten Memes dazu kamen im Umlauf, die sie - gemeinsam mit von ihr erstellten Memes - auf ihren privaten Instagram-Account postete.

"Im nächsten Moment eröffnete ich ein eigenes Meme-Profil. Das ist innerhalb von 15 Minuten passiert, am nächsten Tag hatte ich 5000 Follower", erzählt die Person hinter @ibiza_austrian_memes. Mittlerweile sind es bereits 17.300 Abonnenten. Allein diese Zahl zeigt die Wirkungskraft von Memes.

Für die Betreiberin des Instagram-Accounts sind Bilder zentrales Element politischer Diskurse. Dementsprechend eignen sich Memes, um politische Ereignisse pointiert wiederzugeben und Diskurse auf eine bestimmte Art zu "framen", sagt die Wienerin: "Memes sind nie ein ganzer Witz, sondern nur die Pointe. Sie erzeugen eine gefühlte Wahrheit: Wenn viele Menschen ein Meme liken und teilen, verfestigt sich bei mir als Betrachterin der Eindruck, dass es sich um ein wichtiges politisches Ereignis handelt, das ich ernst nehmen sollte." Durch Hintergrundinformationen und Quellen in den Bildunterschriften soll bei @ibiza_austrian_memes aus dieser "gefühlten Wahrheit" eine Realität geschaffen werden.

@ibiza_austrian_memes ist dabei nur eine von mehreren Seiten, die als Reaktion auf die österreichische Politik der letzten Monate entstand, beobachtet Miesenberger mit Bewunderung: "Für mich wurde Wien das Paradebeispiel einer Stadt, die einfach krass gut im Meme-Game ist. Ich selbst habe durch diese Memes ganz viel über österreichische Diskurse gelernt. Als Journalistin sollte ich auf anderen Ebenen recherchieren, aber dieser Lerneffekt ist durch Memes viel zugänglicher."

Menschenverachtende und wahlkämpfende Memes

Diese Zugänglichkeit ist auch ein Grund, wieso Memes nicht nur wie im Fall von Miesenberger als befreiender und humoristischer Umgang auf Hasskommentare genutzt werden können, sondern genauso bei jenen beliebt sind, die sexistischen, rassistischen bis zu rechtsextremen Hass im Netz verbreiten. In Brasilien soll etwa Jair Bolsonaro, vor seiner Wahl zum Präsidenten, WhatsApp-Gruppen mit unzähligen diskriminierenden Memes überschwemmt haben.

Im US-amerikanischen Wahlkampf wurde der derzeitige Präsident Donald Trump zum Meme: "Wie die Alt-Right-Bewegung ein Meme ins Weiße Haus gewählt hat", titelt beispielsweise die Amadeu-Antonio Stiftung in einer Analyse zu politischen Memes. Rechtsextreme und Neonazis nutzen Memes, um ihre menschenverachtende Ideologie zu verbreiten - machen aus Pepe dem Frosch einen Hitler, einen SS-Soldaten, hetzen damit gegen Minderheiten. Erschreckende Entwicklungen, sagt Miesenberger, die jedoch nicht dem Medium selbst geschuldet sind. Vielmehr handle es sich um Entwicklungen, die in verschiedensten Medien stattfinden: "Memes sind eine niederschwellige Form der Artikulation. Memes brechen mit dem Elfenbeinturm des Journalismus und geben Menschen eine Möglichkeit ihre Meinung kundzutun. Die Artikulation von rassistischem oder sexistischem Gedankengut findet genauso in Kommentaren, in Tageszeitungen, im Fernsehen, am Stammtisch statt."