Da arbeitet eine ganze Wissensgesellschaft daran, den nächsten Tag, die kommenden Monate und darauffolgenden Jahre bis ins letzte Detail vorauszuplanen. Und dann geschieht trotzdem etwas, das all die schönen Pläne über den Haufen wirft. Aus zehn geplanten Jahren können so auch ganz schnell nur 15 Monate werden.

Zehn Jahre: Das war die angepeilte Haltedauer für die türkis-blaue Koalition. Was irgendwie schlüssig ist, denn so lange dauert es, bis Veränderungen in die Strukturen eines politischen Systems einsickern.

In Österreich sind diese Strukturen - jedenfalls dort, wo Politik noch Gestaltungsmacht auszuüben vermag - schwarz, rot oder eben rot-schwarz und schwarz-rot. Was auch sonst in einem Land, in dem die beiden Parteien seit 1945 über 44 Jahre gemeinsam regierten? Doch mit den Jahren wurde den beiden Parteien der koalitionäre Spielraum zunehmend zu eng. Außerhalb von Rot-Schwarz musste es doch andere politische Räume geben, ein unbekanntes Land, das nur darauf wartete, entdeckt, erkundet und vermessen zu werden.

Der lange Traum vom Regieren ohne den Anderen

Dieser Ausbruch ist heute vor allem ein Projekt der neuen, der nunmehr türkisen ÖVP, ja von Sebastian Kurz höchstpersönlich. Die Schwarzen, die es daneben ja immer noch gibt, verspürten denselben unruhigen Geist in den 1990er und frühen 2000er Jahren. Doch auch was sie damals vorfanden, hatte relativ wenig mit dem gelobten schwarz-blauen Land zu tun, das sie sich in ihren Träumen ausgemalt hatten. Die SPÖ wurde übrigens von der gleichen Sehnsucht getrieben: endlich Politik ohne den Anderen, diesen ewigen Klotz am roten Bein zu machen. Sprich: Politik ohne die Volkspartei. Wenn man weiß, dass die gemeinsame Geschichte, die ÖVP und SPÖ trennt und verbindet, mittlerweile weit mehr als hundert Jahre zurückreicht. So richtig miteinander gewollt haben die beiden allenfalls über kurze Strecken, die meiste Zeit war ihre Zusammenarbeit ein Zweckbündnis, dessen stärkster Kitt die Erfahrung war, was alles geschehen kann, wenn sie offen und ohne Rücksicht auf Verluste gegeneinander kämpften.

Doch die lange Beziehung führte zu Frust, Hader und Neid. Auch Parteien denken, fühlen und handeln wie Menschen. Ein gleichwertiger Partner ist immer ein schwieriger Partner. Hierin liegt die Triebkraft, die SPÖ und ÖVP in den Phasen der Nähe unweigerlich und immer wieder auseinandertreibt.

Erste Versuche des Ausbruchs starteten schon bald nach 1945. Allzu viele Kandidaten für ein politisches Abenteuer gab es aber auch schon damals nicht. Und so standen Schwarz wie Rot schnell auf der Matte der kümmerlichen Reste des vom Nationalsozialismus moralisch wie politisch desavouierten Dritten Lagers. Während die SPÖ verstohlen bei der Geburt der neuen Partei, die sich später zur FPÖ häutete, mit dem Ziel half, das bürgerliche Lager zu spalten, wagte die ÖVP 1957 offene Avancen. Doch Wolfgang Denk, den ÖVP und FPÖ als gemeinsamen Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten unterstützten, unterlag dem Sozialdemokraten Adolf Schärf.