6,4 Millionen Österreicher sind bei herrlichem Herbstwetter am Sonntag aufgerufen gewesen, den Nationalrat neu zu wählen. Die Spitzenkandidaten der antretenden Parteien gaben von den Medien begleitet am Vormittag ihre Stimmen ab und zeigten sich dabei bis zuletzt optimistisch. Gegen Mittag schritt auch Bundespräsident Alexander Van der Bellen mit Gattin Doris Schmidauer und First Dog Juli zur Urne.

Nach der Wahl will er in Sachen Regierungsbildung "keinen Zeitdruck" machen, sagte Van der Bellen. Als zentrale Themen von Koalitionsverhandlungen nannte das Staatsoberhaupt "Bildung, Klimaschutz, Sicherheitsfragen und das Bundesheer". Der Klimaschutz sei ohnedies ein Thema, "das die ganze Welt bewegt", unterstrich er einmal mehr dessen zentrale Bedeutung.

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Bierlein gibt sich zugeknöpft

Bundeskanzlerin Brigitte Bierlein ist Sonntagnachmittag in einer Volksschule in Wien-Neubau zur Wahl geschritten. Die Kanzlerin gab sich vor den wartenden Journalisten zugeknöpft. "Das ist ein wichtiger Tag für Österreich", meinte sie nach dem Urnengang knapp. Weitere Fragen wollte sie nicht beantworten.

In Wien haben die Wahllokale noch bis 17 Uhr geöffnet, in Vorarlberg haben sie bereits geschlossen. - © APAweb, Barbara Gindl
In Wien haben die Wahllokale noch bis 17 Uhr geöffnet, in Vorarlberg haben sie bereits geschlossen. - © APAweb, Barbara Gindl

Am Dienstag wird die Regierung unter Bierleins Führung zu Bundespräsident Alexander Van der Bellen gehen und dem Staatsoberhaupt der Tradition entsprechend die Demissionierung anbieten. Van der Bellen wird die Regierung dann mit der Fortführung der Geschäfte betrauen, bis die Koalitionsverhandlungen abgeschlossen sind.

Die ersten Hochrechnungen wird es ab 17.00 Uhr geben, wenn die letzten Wahllokale geschlossen haben. Das vorläufige Ergebnis wird am Abend verkündet. Es könnte aber bis Montag oder sogar Donnerstag spannend bleiben, wenn das Ergebnis knapp ist und erst die Wahlkarten entscheiden. Denn erstmals wurden mehr als eine Million derer beantragt.

Spitzenkandidaten haben gewählt

Die Spitzenkandidaten haben ihre Stimme bereits abgegeben. Den Anfang machte am Morgen SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner. Sie wählte mit ihrem Mann Michael Rendi im ersten Wiener Gemeindebezirk. Eine Prognose für den Ausgang der Wahl wollte sie nicht stellen, da heute der Wähler das Wort habe. Die Österreicher hätten es dabei in der Hand, eine Fortsetzung von Türkis-Blau zu verhindern.

Werner Kogler, Spitzenkandidat der Grünen, hat seine Stimme in Wien-Wieden abgegeben. Gegenüber Journalisten sagte er, er habe "bis halb 2 Uhr in der früh wahlgekämpft". Man dürfe sich von den Umfragen nicht täuschen lassen, sagte er weiter. "Wer Grüne im Parlament will, soll im Zweifel auch Grün wählen."

Der Gründer der Liste JETZT, Peter Pilz, hat am späten Sonntagvormittag in einer Volksschule im Wiener Stadtteil Kaisermühlen seine Stimme abgegeben. Begleitet von seiner Frau Gudrun zeigte sich der Langzeitabgeordnete zuversichtlich, trotz schwacher Umfragen den Wiedereinzug ins Parlament zu schaffen: "Ja, wahrscheinlich geht es sich aus." Eine Rückkehr zu den Grünen schloss er für sich aus: "Niemals."

FPÖ-Chef Norbert Hofer hat am Sonntagvormittag in Begleitung seiner Frau seine Stimme zur Nationalratswahl abgegeben. In Bezug auf seine Erwartungshaltung gab sich Hofer vor seinem Wahllokal im burgenländischen Pinkafeld (Bezirk Oberwart) zurückhaltend. Die Ausgangssituation der FPÖ sei "eine echte Herausforderung", er erwarte einen "sehr spannenden Tag", betonte Hofer.

Nach den schwierigen vergangenen Monaten, Wochen und auch Tagen sei er gespannt, wie die Wahl ausgehen werde. Das Ibiza-Video und die Spesen-Affäre seien "natürlich eine Vorbelastung". "Aber ich bin es gewohnt, ein paar Steine im Rucksack mitzutragen", sagte Hofer.

Staatstragend hat sich ÖVP-Spitzenkandidat Sebastian Kurz am Sonntag nach seiner Stimmabgabe gegeben. Der ehemalige Bundeskanzler und klare Favorit bei der Nationalratswahl ging kurz nach 11 Uhr gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin in seinem Wiener Heimatbezirk Meidling wählen. In seiner kurzen Ansprache danach drückte er seine Hoffnung nach einem Plus vor dem Ergebnis seiner Partei aus.

Bereits lange vor dem Eintreffen des Ex-Kanzlers hatte sich eine Schar von Journalisten, aus Österreich wie aus dem Ausland, vor dem Wahllokal eingefunden. Auch Glückwünsche von Fans, etwa einer älteren Dame, nahm er beim Eintreffen entgegen. Nach der Stimmabgabe stellte er sich redefreudig vor die Mikrofone: "Ich darf Sie ganz herzlich im 12. Bezirk begrüßen."

"Zuversichtlich" zeigte sich Kurz, bei der Wahl den ersten Platz zu erreichen, ein weiteres Ziel sei es, eine Mehrheit gegen sich und die ÖVP zu verhindern.

NEOS-Spitzenkandidatin Beate Meinl-Reisinger ist am Sonntagvormittag gut gelaunt zur Stimmabgabe in einem Wahllokal im neunten Bezirk erschienen. Eine Prognose für das Wahlergebnis wollte sie keine abgeben, sie zeigte sich aber zuversichtlich. "Es wird sehr gut ausschauen", sagte sie zu den wartenden Journalisten.

Mit dem Wahlkampf könnten die NEOS sehr zufrieden sein. So wie vermutlich viele Österreicher sei sie aber froh, wenn es vorbei ist, sagte Meinl-Reisinger. Sie wünsche sich vor allem, dass es nach diesem Wahltag eine andere Regierung als die türkis-blaue Koalition, die vor dem Erscheinen des Ibiza-Videos regierte, gibt.

Keine offiziellen Angaben zur Wahlbeteiligung

Über die Wahlbeteiligung ließ sich bis Mittag noch wenig sagen. In Wien werden vor Wahlschluss keine aktuellen Zahlen in Sachen Wahlbeteiligung mehr veröffentlicht. Das spätsommerlich schöne Wetter lud jedenfalls zu einem Spaziergang ins Wahllokal ein. Auch die Vorarlberger und Tiroler am anderen Ende des Landes wählten bei traumhaftem Bergwetter. Offizielle Angaben zur Wahlbeteiligung gab es auch dort nicht. Die inoffiziellen Meldungen deuteten auf gute Zahlen hin.

In Niederösterreich war der Zustrom zu den Urnen unterschiedlich. In ländlichen Regionen war er traditionell nach dem Kirchgang stark. In dem "schwarzen Kernland" geht es um 1,3 Millionen Stimmen. In dem ebenfalls bevölkerungsreichen Oberösterreich mit 1,1 Millionen Wahlberechtigten herrschte reges Kommen und Gehen an den Wahlurnen. Auch hier steigt vor allem in den ländlichen Gemeinden das Wähleraufkommen traditionell nach der Sonntagsmesse.

Auch in der Steiermark dürfte die Wahlbeteiligung recht hoch sein. "Das wird bestimmt wieder eine hohe Wahlbeteiligung, so wie beim letzten Mal 2017", meinte etwa ein Beisitzer in einem Wahllokal in der Grazer Innenstadt.

Im Burgenland wurden jene, die von ihrem Wahlrecht Gebrauch machten, ebenfalls von Sonnenstrahlen begleitet. Gleiches war auch aus Salzburg zu hören, wo es ebenfalls keine offiziellen Angaben zur Wahlbeteiligung gab. Wie in ganz Österreich hatten auch in Salzburg so viele Menschen wie noch nie mit einer Wahlkarte vorgesorgt.

Sieg für ÖVP gilt als fix

Dass die ÖVP Erste wird, ist laut den Meinungsforschern sicher - die Frage ist nur, mit wem Sebastian Kurz in Koalition geht. 2017 hatte die ÖVP erstmals seit 2002 mit 31,47 Prozent (62 Mandate) Platz 1 erobert, und Kurz wurde damals mit 31 Jahren der jüngste Kanzler. Seine türkis-blaue Koalition zerbrach im Mai jedoch an der Ibiza-Affäre, Kurz rief die Neuwahl nach nur zwei (von fünf) Jahren aus.

Vizekanzler Heinz-Christian Strache musste gehen. 2017 hatte die FPÖ mit ihm an der Spitze 25,97 Prozent (51 Mandate) geholt, also einen Zuwachs um 5,46 Prozentpunkte geschafft. Jetzt müssen die von Norbert Hofer angeführten Freiheitlichen - verstärkt durch die zuletzt bekannt gewordene Spesenaffäre Straches - mit einem Minus rechnen. Auch die Fortsetzung ihrer Regierungsbeteiligung ist mittlerweile alles andere als sicher.

Die SPÖ kann damit rechnen, immerhin Platz 2 zu halten - den sie 2017 mit 26,86 Prozent (52 Mandate) nur knapp vor der FPÖ einnahm. Platz 1 scheint allerdings außer Reichweite, auch wenn die neue Spitzenkandidatin Pamela Rendi-Wagner diesen unermüdlich als Wahlziel nannte.

Grüne dürften in Nationalrat zurückkehren

Für die Grünen mit Werner Kogler an der Spitze verheißt diese vorgezogene Wahl früher als erwartete die Rückkehr in den Nationalrat. 2017 mussten sie sich mit nur mehr 3,80 Prozent verabschieden. Schon bei der EU-Wahl im Mai läuteten sie mit einem überraschend guten Ergebnis ihr Comeback ein. Auf den frühen Abschied einstellen muss sich hingegen die Liste JETZT. 2017 war die vom Ex-Grünen Peter Pilz neu gegründete Partei auf Anhieb mit 4,41 Prozent und acht Mandaten in den Nationalrat eingezogen.

Die 2012 gegründeten NEOS können auch in ihrer nun schon dritten Wahl davon ausgehen, im Hohen Haus zu bleiben. 2017 wuchsen sie leicht auf 5,30 Prozent (zehn Mandate). Ihr Gründer Mathias Strolz ist heuer nicht mehr dabei, seine Nachfolgerin Beate Meinl-Reisinger schlägt heuer ihre erste Wahl.

Zwei weitere Parteien treten österreichweit an: Die KPÖ, heuer in Allianz u.a. mit der "Alternativen Liste Innsbruck", von der auch Spitzenkandidat Ivo Hajnal kommt - und die ebenfalls progressiv-linke Partei "Wandel" mit Fayad Mulla an der Spitze. Ihre Chancen auf Mandate sind sehr gering - und keine Chancen haben die fünf Parteien, die nur in ein oder zwei Bundesländern am Stimmzettel stehen.

Verteilt werden bei der Wahl 183 Mandate. Der neue Nationalrat mit den neu gewählten Abgeordneten tritt erstmals am 23. Oktober zusammen - und zwar wieder im Ausweichquartier in der Hofburg. Denn das Parlamentsgebäude am Ring wird immer noch renoviert. (apa)