Vor vier Monaten hatte Sebastian Kurz erstmals um Unterstützung gebeten. Es war ein Samstag, der Tag, nachdem Österreich ein zwei Jahre altes Video aus Ibiza gesehen hatte. Und es war jener Moment, in dem Kurz das Ende der Koalition mit der FPÖ verkündete: "Nur wenn die Volkspartei nach den Wahlen so stark ist, dass wir eindeutig den Ton angeben, kann unser Kurs der Veränderung konsequent fortgesetzt werden." Das sagte Kurz damals, noch als Kanzler, in seiner bereits ersten Wahlkampfrede.

Doch was ist "stark genug", um eindeutig den Ton" angeben zu können? Sind es 37,1 Prozent, wie die Sora-Hochrechnung am Wahlabend verhieß? Kurz ist es damit jedenfalls gelungen, den größten Abstand zwischen Platz eins und zwei zu legen. Den bisherigen Rekordhalter Franz Vranitzky im Jahr 1990 (10,7 Prozentpunkte) hat die ÖVP deutlich überboten. Und doch könnte dieses Resultat alles andere als "klare Verhältnisse" bringen. Auch diese "klaren Verhältnisse" hatte sich Kurz am Tag des Koalitions-Aus erbeten.

- © apa/Roland Schlager
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Welches Ergebnis er dabei im Kopf hatte, verriet der ÖVP-Chef damals nicht. Dachte er an einen Coup, wie ihn einst Wolfgang Schüssel landete, als die ÖVP 2002 bei den vorgezogenen Wahlen den zerstrittenen Koalitionspartner FPÖ ausräumte und über 42 Prozent kam? Die Schwarzen konnten die Verluste der Blauen nahezu ausgleichen und schufen die rechnerische Möglichkeit, mit allen Parteien zu koalieren. Auch mit den Grünen. Entsprechend angenehm waren für Schüssel dann die Koalitionsverhandlungen.

Doch das ist diesmal anders. Erstens büßte die FPÖ deutlich mehr ein, als die ÖVP gewann. Zweitens ist sich die türkise Wunschkoalition mit den Neos nicht ausgegangen und jene mit der FPÖ nach deren massiven Verlusten schwierig geworden.

Video: Rede von Sebastian Kurz am Wahlabend

Dass die Regierungsbildung ein mühsames Unterfangen werden könnte, ist zuletzt ausführlich debattiert worden. Durch das starke Abschneiden nicht nur der ÖVP, sondern auch der Grünen, hat Kurz aber etwas unverhofft eine weitere Option bekommen. Zumindest rechnerisch. Das war auch 2002 unter Schüssel der Fall. Die Voraussetzungen sind diesmal andere, das Thema Klimaschutz hat an Relevanz gewonnen, doch damals war der direkte Wechsel von Blau zu Grün nicht möglich.

Offiziell war Kurz puncto Erwartungen zurückhaltend, rechnete zumindest nach außen hin nicht mit einem derartigen Ergebnis, das Umfragen unmittelbar nach Ibiza noch prophezeit hatten. Doch das war eben auch noch vor einigen Aufdeckungen, die das freiheitliche Lager betrafen: Erst der Postenschacher-Vorwurf bei den Casinos Austria, vor allem aber der latente innerparteiliche Konflikt um Ex-Parteichef Strache, der dann kurz vor der Wahl in der Spesenaffäre gipfelte. Dass die ÖVP auf den letzten Metern hier auf Kosten der FPÖ profitierte, liegt auf der Hand.