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München/Frankfurt. Zeitungen in der Schweiz haben am Wahlabend den Ausgang der Nationalratswahl analysiert. Der TagesAnzeiger zog in einem Kommentar am Sonntagabend drei Lehren aus der Wahl in Österreich:

An Sebastian Kurz komme keiner vorbei. Die ÖVP habe vor allem ihm zu verdanken, dass sie als große Siegerin aus dem Urnengang hervorging. "Im österreichischen Politikbetrieb gibt es keine Person, die ihm derzeit seine Dominanz auch nur annähernd streitig machen kann".

Zudem bilanziert das Blatt, dass Rechtspopulismus ein Verfallsdatum habe. Die Rivalitäten der verschiedenen Kraftzentren in der FPÖ könnten sich angesichts der Niederlage zudem zu einem offenen Konflikt entwickeln. "Recht wahrscheinlich dürfte sein, dass die Parteiführung Strache ausschliesst, mindestens aber zwingt, sich künftig medial zurückzuhalten."

"Die grün-pinken Gewinner haben durch ihre klaren Profile gepunktet. Und "beide Parteien gelten als unbequem, aber verlässlich", was sie zu attraktiven Regierungspartnern machen könnte.

Die "Neue Zürcher Zeitung" (NZZ) sprach in einem Online-Kommentar von einem "bittersüßen Triumph" für Kurz. Den "fahlen Beigeschmack" ortet das Blatt in den äußerst schwierigen Koalitionsoptionen:

"Kurz wird daher nicht nach Belieben seinen möglichen Partnern Koalitionsbedingungen diktieren können, er muss sich auf zähe Verhandlungen einlassen. Dabei bieten sich ihm nur missliebige Optionen. Mit der FPÖ würde man sich zwar inhaltlich schnell einigen, das alte Regierungsprogramm böte die Grundlage."

"Die Hoffnung, dass sich mit dem neuen FPÖ-Chef Norbert Hofer ein anständiger, gemässigter Flügel durchsetzen wird, ist naiv. Das rechtsextreme und grossdeutsche Gedankengut gehört zum Wesen dieser Partei."

 "In der viel beschworenen Mitte"

"Die Wählerwanderung von der FPÖ hin zur ÖVP ist eine deutliche Aufforderung an Kurz, dort hinzuschauen, wo sich seine Partei traditionell eigentlich verortet: in der viel beschworenen Mitte (...)", schreibt die "Süddeutsche Zeitung" über den Wahlausgang in Österreich.  "Wenn Sebastian Kurz dereinst nicht nur als junger und überdurchschnittlich talentierter, sondern auch als großer Staatsmann im Gedächtnis bleiben will, sollte er diese Chance ernst nehmen."

"Frankfurter Allgemeine Zeitung":

"Bis vor zwei Jahren galt in Österreich der Erfahrungswert, dass in der Regel derjenige in vorgezogenen Wahlen bestraft wird, der sie vom Zaun gebrochen hat. Jetzt hat Sebastian Kurz das zum zweiten Mal in kurzer Frist getan und ist zum zweiten Mal als klarer Sieger aus der Wahl hervorgegangen. (...) Aber die Aufgabe, die sich ihm jetzt stellt, ist noch kniffeliger: Er muss eine Regierungsmehrheit zustande bringen. (...) Auch politisch stehen große Hindernisse vor jeder möglichen Koalition, ob es eine Neuauflage von Türkis-Blau wäre, ein Rückgriff auf die große Koalition, das Experiment eines Dreierbündnisses, falls es zu Türkis-Grün nicht doch reicht, oder eine Minderheitsregierung. Kurz muss nun das politische Talent unter Beweis stellen, das ihm von vielen Seiten bescheinigt wird."

"Zeit Online" :

"Er hat ein hohes Risiko in Kauf genommen, alles auf eine Karte, seine Person, gesetzt und grandios gewonnen. Sebastian Kurz, Ex-Kanzler und wohl auch der nächste Kanzler Österreichs, triumphierte bei den Parlamentswahlen in Österreich. Die Entscheidung, wer letztlich der Mehrheitsbeschaffer sein wird, trifft Sebastian Kurz wohl im Alleingang. Bislang schien er zu einer Neuauflage seiner alten, umstrittenen Koalition mit der FPÖ zu neigen und sprach davon, er möchte eine "anständige Mitte-Rechts Politik" betreiben.

Entschließt er sich tatsächlich dazu, setzt er seinen bisherigen Hochrisiko-Kurs fort. Denn bei den auf ihre Kernwähler reduzierten Rechtspopulisten wird sich die Bestrebung durchsetzten, sich mit radikalen Positionen und Tönen noch stärker als kompromisslose Rechtspartei zu profilieren. Egal, wenn er am Ende wählt: Sebastian Kurz weiß, dass er keine dritte Chance mehr bekommen wird. Scheitert auch seine zweite Regierungskoalition, geht seine politische Karriere dem Ende zu." (apa)