Mal angenommen, es gibt diesen Kompromiss, wären Sie bereit, die türkis-blaue Sozialhilfe so stehen zu lassen?

Man muss nicht unbedingt Gesetze zurücknehmen, man kann auch zusätzliche verabschieden. Unser Thema ist zum Beispiel Kinderarmut, ein Teil des Gesetzes benachteiligt Kinder, also kann man genau diesen mit einem neuen Gesetz verbessern.

Wobei das schon sehr nach Aufschnüren klingt . . .

Nein, sondern nach zusätzlichen Maßnahmen. Was mich persönlich stört, ist, dass Menschen, die nicht gut genug Deutsch sprechen, 300 Euro abgezogen werden. Ich habe nichts dagegen, dass sie Deutschkurse machen, aber Menschen, die weniger Deutsch sprechen, haben deshalb nicht weniger Hunger.

In einem Koalitionspakt kann auch schwer Verdauliches für Grüne dabei sein. Wird es einen Klubzwang im Parlament geben?

Klubzwang wird es bei uns nie geben. Die Grünen sind im Moment aber ein sehr eingeschworenes Team, trotz aller Unterschiedlichkeit. Wir sind uns in so vielen Dingen einig, da ist diese positive Energie, die zusammenschweißt, der Werner (Kogler, Anm.) hat sehr viel Vertrauen in uns - und wir auch in ihn.

Sie selbst spiegeln diese Unterschiedlichkeit als Person wider. Sie sind Grazerin, Frau, Mutter zweier Kinder, in Bosnien-Herzegovina geboren, vor dem Krieg geflüchtet, mittlerweile Österreicherin, Betriebswirtin, aber auch Sozialpolitikerin. Was davon prägt sie als Politikerin am meisten?

Das Prägendste ist, Mutter zu sein. Ein Grund, in die Politik zu gehen, war es, Vorbild zu sein. Ich messe Erfolg aber nicht an Ämtern, für mich ist Erfolg Glück. Wenn mein Mann, meine Kinder und ich glücklich sind, dann ist das für mich ein Erfolg. Auch wenn das manche Grüne nicht so gerne hören, für mich steht die Familie an erster Stelle. Meine Erfahrungen haben mir auch Bodenständigkeit gebracht, einen guten Draht und wenig Berührungsängste zu Leuten. Es hilft, als Politikerin nicht in einer eigenen Welt zu leben. Wenn mich mein Kind in der Früh anpinkelt, dann muss ich mich darum kümmern. Wenn ich mit einer Nachbarin spreche, die eine Heimhilfe braucht, ist das Thema Pflege viel realer. Diesen Blick möchte ich behalten. Das kann man nur, wenn die Familie da ist.

Überraschend, ich dachte, dass die Flucht eine größere Rolle spielt?

Natürlich ist das eine prägende Erfahrung, wenn auch eine weniger positive. Wenn man als Familie mit nur einem Koffer nach Österreich kommt, kein Wort versteht und am Anfang laufend von einem Ort an den anderen versetzt, lernt man sich als Flüchtlingskind sehr rasch zurechtzufinden. Ich wurde da schon meiner Jugend beraubt, musste sehr früh Verantwortung tragen. Und wenn du als Migrantin nicht als Putzfrau arbeiten willst, musst du eine gute Ausbildung machen. Deshalb habe ich vermutlich Betriebswirtschaft studiert - und nicht Geschichte (lacht), weil es auch um die Frage ging, wie überlebt man am besten. Ich bin übrigens auch eine Muslima, wenn auch eine sehr europäische, der man es nicht ansieht (lacht).

Lässt sich der grüne Erfolg in der Steiermark auch am Land wiederholen?

Die Grünen sind in den Städten besser verankert, die ÖVP hat in den ländlichen Regionen mehr Tradition. Ich glaube zwar, dass es ein bisschen mehr Zeit braucht, bis sich das in unsere Richtung dreht. Aber da tut sich auch etwas. Und die Sandra Krautwaschl ist eine sehr Bodenständige mit drei Kindern, die im ländlichen Bereich sehr gut ankommt.