Occupy-Bewegung, Kampfansage an den Neoliberalismus: Der britische Soziologe Colin Crouch setzt auf Zusammenarbeit zwischen Sozialdemokratie und der aufbegehrenden Zivilgesellschaft. - © epa
Occupy-Bewegung, Kampfansage an den Neoliberalismus: Der britische Soziologe Colin Crouch setzt auf Zusammenarbeit zwischen Sozialdemokratie und der aufbegehrenden Zivilgesellschaft. - © epa

"Wiener Zeitung": Ihr neues Buch heißt "Jenseits des Neoliberalismus. Ein Plädoyer für soziale Gerechtigkeit". Auf einer Skala von null (gar nicht) bis zehn (absolut): Welche Demokratien würden Bestnoten in Sachen sozialer Gerechtigkeit erhalten?

Colin Crouch: Am besten würden die nordeuropäischen Staaten, die Niederlande und Österreich abschneiden. Sie würde ich mit fünf bis sechs klassifizieren. Großbritannien und die USA wären hingegen weit abgeschlagen mit drei bzw. zwei.

Welche Noten hätten Sie 1979 verteilt, als Margaret Thatcher Premierministerin in Großbritannien wurde - was als Startschuss der neoliberalen Ära gilt?

Colin Crouchs Hoffnungen ruhen vor allem auf den sozialdemokratischen Parteien in Europas Nordwesten. - © Thomas Seifert
Colin Crouchs Hoffnungen ruhen vor allem auf den sozialdemokratischen Parteien in Europas Nordwesten. - © Thomas Seifert

Interessanterweise wohl die gleichen. Denn damals waren die Einkommen zwar gerechter verteilt, aber Frauenrechte, die Rechte Homosexueller oder von Migranten haben sich in allen Staaten verbessert. Alleine an diesen wenigen Faktoren sieht man, dass verschiedenste Elemente soziale Gerechtigkeit ausmachen.

Was verstehen Sie unter sozialer Gerechtigkeit?

Drei zentrale - und unterschiedliche - Elemente stecken in dem Begriff: Gerechtigkeit, Fairness und sozial. Gerechtigkeit bedeutet, dass das Recht angewandt wird und sich die Bürger darauf verlassen können. Fairness ähnelt der Gerechtigkeit, es geht dabei aber nicht nur um das Recht, sondern das Verhalten im Allgemeinen. Wenn ich für eine Handlung auch die Konsequenzen tragen muss, ist das fair. In einer sozial gerechten Gesellschaft können die Bürger ein Leben erwarten, das ihren Bemühungen entspricht. Wenn jemand hart arbeitet, muss er Aufstiegschancen, Hoffnung und ein angemessenes Einkommen haben.

Warum stimmen so viele Personen für Parteien, die ihnen genau das nicht ermöglichen, warum wählen also weiße Modernisierungsverlierer in den USA die Republikaner?

Bereits in der Vergangenheit akzeptierten die Leute lange, dass Adelige über sie verfügten. Und bis heute basiert das Wahlverhalten teilweise stärker auf Symbolen der Identität wie Nation oder Religion als auf wirtschaftlicher Basis. Die Strukturen der großen und wichtigen Parteien Westeuropas fußen noch immer auf Identitäten, die über 100 Jahre alt sind, als sich die Demokratie zu entwickeln begann, in den USA auf den Bürgerkrieg vor knapp 150 Jahren. Nun haben wir in Europa - nicht in den USA - säkulare Gesellschaften, die neue Klassenstrukturen hervorgebracht haben, jedoch keine neuen Identitäten.

Sie hoffen auf mehr soziale Gerechtigkeit und setzen bei der Überwindung des Status quo vor allem auf die Sozialdemokratie. Warum?

Auch die Sozialdemokratie muss sich ändern. Aber im Vergleich zu anderen Parteien sind weniger Anpassungen notwendig, daher hoffe ich auf eine Allianz mit grünen Bewegungen. Ich bin für die Marktwirtschaft, aber wir müssen ihr mehr Sinn geben und den negativen Auswirkungen mehr Beachtung schenken. Früher übernahmen liberale Parteien diese Rolle, wurden aber immer neoliberaler oder verloren an Relevanz. Konservative Parteien standen im 19. Jahrhundert der Marktwirtschaft sehr kritisch gegenüber, heute stehen sie voll hinter dem Markt - mit Ausnahme christdemokratischer Gruppierungen, die auch eine soziale Agenda haben.

Mit dem "dritten Weg" unter Tony Blair oder Gerhard Schröders Reformen haben ausgerechnet Sozialdemokraten weitgehende Konzessionen an den Markt gemacht.

Blair hat wichtige Signale der Zusammenarbeit von Sozialdemokratie und Marktwirtschaft ausgesendet. Auf der anderen Seite gelang es nicht, sich bildende Oligopole im Zaum zu halten. Blair und Schröder akzeptierten vollständig die Dominanz des Finanzkapitals, was man insbesondere in Großbritannien an den Deregulierungsmaßnahmen, welche die Finanzkrise ausgelöst haben, ablesen kann. Aber die Sozialdemokratie hat eingesehen, dass sie zu weit gegangen ist. Ja zur Marktwirtschaft, aber nein zu den ihr inhärenten sozialen Problemen lautet nun die Devise.

Welche Rolle soll die Zivilgesellschaft neben den Parteien übernehmen?

Bürgerinitiativen sind sehr wichtig, denn Parteien alleine repräsentieren nicht mehr alle gesellschaftlichen Strömungen. Und sie können auch gar nicht mehr die enormen und vielfältigen Erwartungen an Politik alleine erfüllen. Sie sind aber als Mittler zwischen dem Staat und den Bürgern weiter unerlässlich. Gerade die politische Linke hat in der Vergangenheit den Fehler gemacht, zu sehr auf Parteienstrukturen vertraut zu haben. Das mag im 19. Jahrhundert als Gegenmittel zur Macht von Adel und Kirche nachvollziehbar gewesen sein, ist es heute aber nicht. Die Linke sollte heute selbstbewusster Partnerschaften mit zivilgesellschaftlichen Gruppierungen eingehen.

Andererseits beäugen sich Parteien und Zivilgesellschaft teils argwöhnisch, und Letztere will nicht vor den Karren traditioneller Politik gespannt werden.

Beide Seiten werden verlieren, wenn sie nicht zusammenarbeiten. Eine Kooperation kann nur erfolgreich sein, wenn man die andere Sphäre als eigenständig akzeptiert - und etwa die Politik nicht nur darauf schielt, aus der Zivilgesellschaft neues Parteipersonal zu lukrieren. Stattdessen muss Respekt vor der Tätigkeit des anderen und dessen Werten herrschen. Darüber habe ich übrigens in der "Sektion 8" der Wiener SPÖ referiert, die jung, sehr aktiv...