Die "Wiener Zeitung" analysiert in einer losen Serie die österreichische politische Landschaft grundsätzlich. Konzept: Ein Mann misst eine Parlamentspartei an ihrer Ideologie. In der Ausgabe vom 31. August/1. September wurde nun der Philosoph Rudolf Burger zu den Grünen befragt: Wir seien "Suspekte Kümmerer", lautet sein Befund, die Grünen wären "pädagogisierend und zutiefst direktdemokratisch" - und daher antiliberal. Nun, er hat recht, aus seinem Blickwinkel.

"Pädagogisierend" ist ein anderes Wort für "aufklärend", und ja, wir sind aufklärerisch. "Pädagogisierend" geht aber noch einen kleinen Schritt weiter: Wir wollen über Fakten und Zusammenhänge nicht nur informieren, sondern vermitteln und überzeugen. Wir wollen nicht nur Daten über den Klimawandel auf den Tisch legen, wir wollen auch, dass die Gesellschaft ihr Verhalten ändert.

In diesem Sinne ist jede Bewegung pädagogisierend, welche die Welt verändern will. Dass ein Konservativer, der genau dies nicht will, dieses Wort negativ verwendet, liegt auf der Hand. Die Trennlinie verläuft hier nicht zwischen liberal und anti-liberal, sondern zwischen progressiv und konservativ. Progressive Liberale sind in Burgers Sinn auch pädagogisierend. Ich kann mit dem Befund sehr gut leben, auch wenn ich weiterhin "aufklärerisch" verwenden werde.

Interessanter ist Burgers Aussage, die Grünen wären zutiefst direktdemokratisch und daher anti-liberal. Ich vermute mal, dass der grundlegende Widerspruch von Liberalismus und Demokratie, den Burger so selbstverständlich ohne weitere Erklärung formuliert, vielen Lesern nicht bewusst ist.

Grüne sind progressiv

Die zugrunde liegende Frage ist: Wie geht man mit einem Konflikt bei widersprüchlichen Interessen um? Stellen wir uns einen Raum vor, in dem sich mehrere Personen befinden. Ein Teil davon ist nach einem langen Arbeitstag todmüde, der andere Teil will feiern und laut Musik hören. Es gibt zwei Möglichkeiten, damit umzugehen: kollektiv oder individuell. Man kann eine gemeinsame Lösung suchen oder eben nicht.

Kollektive Lösungen können verschieden zustande kommen. Eine radikal demokratische Vorgangsweise könnte etwa so aussehen, dass man abstimmt und die Mehrheit ihre Entscheidung der Minderheit aufzwingt. Eine radikal individuelle Vorgangsweise bedeutet: Jeder/jede hat die Freiheit, zu tun was er/sie will. Wenn Burger Demokratie und Liberalismus als Gegensatz begreift, dann aufgrund dieses Unterschiedes: Sein Liberalismus ist eine radikal individuelle Interessensdurchsetzung und er stellt Demokratie als radikal kollektivistische Methode gegenüber.